„Eldorado“, immer wieder hat das schwul-lesbische Berlin im vergangenen Jahrhundert das sagenumwobene Goldland, das glücksverheißende Paradies heraufbeschworen. 1984 trug eine Ausstellung im Berlin Museum, die sich homosexuellen Frauen und Männern im Berlin der Jahre 1850 bis 1950 widmete und die die erste ihrer Art war, den Titel „Eldorado“. Die erste schwullesbische Radiosendung Berlins, die zwischen 1985 und 1991 ausgestrahlt wurde, nannte sich wortspielerisch „Eldorado“.

In zahlreichen literarischen und dokumentarischen Texten avanciert die Stadt mit ihren Subkulturen zum Eldorado gleichgeschlechtlich begehrender Frauen und Männer. Diese Zuschreibungen sind auf zwei legendäre Schöneberger Lokale zurückzuführen, die in Büchern und Magazinen vielfach beschrieben und auf Leinwand und Filmstreifen verewigt wurden, wie kein anderes Szenelokal der Weimarer Republik.

Bereits 1920 eröffnete der 28-jährige Ludvík Konečný, der im Ersten Weltkrieg als Kampfflieger der österreichisch-ungarischen Armee gedient hatte und nach zwei Jahren in russischer Gefangenschaft sein Glück in Berlin zu finden suchte, in der Charlottenburger Kantstraße 24 (Ecke Bleibtreustraße) erst die Kleinkunstbühne Satyr, dann das Kaffeehaus Alkasar, in dessen Obergeschoss ab März 1924 im ersten Eldorado Tanzdarbietungen angeboten wurden.

Zwei Jahre später zog Konečný mit seinem Etablissement nach Schöneberg in die Räumlichkeiten des Luther-Casinos in der Lutherstraße 31/32 (heute Martin-Luther- Straße 13), die er mit der Neueröffnung in Eldorado umbenannte.

Claire Waldoff gehörte zu den prägenden Stimmen ihrer Zeit.
Claire Waldoff gehörte zu den prägenden Stimmen ihrer Zeit.

Mit seinen extravaganten Travestieshows und Veranstaltungen wurde das Lokal schnell zum Hotspot der Berliner Gesellschaft und dank der Erwähnung in zahlreichen Reiseführern auch zu einem touristischen Anziehungspunkt, der einen Blick in das geheimnisvoll verruchte Berlin erlaubte, wo man aber auch Stars und Sternchen sehen konnte: Die noch unbekannte Marlene Dietrich war hier ebenso zu Gast wie die Skandaltänzerin »Eldorado« Motzstraße, 1932 © Bundesarchiv Anita Berber, die Chanteuse Claire Waldoff, der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld oder die Schriftsteller Christopher Isherwood und Klaus Mann.

Einen Einblick gibt die Journalistin Ruth Margerete Roellig in ihrem 1928 erschienenen Führer Berlins lesbische Frauen, in dem sie 14 Treffpunkte frauenliebender Frauen beschreibt: Vielleicht lag es an dem Herbstabend, der die Riesenstadt in jenen Halbschatten tauchte, dass alles so unbestimmt und fahl verschwommen erschien.

Aus ihrem fremdartigen Hintergrunde tauchte sie auf wie ein Traum, der sich aus einem nebelhaften Dunst löste, die leuchtende Stätte der Lust, die sich ,Eldorado‘ nennt.“ In der vornehmen Lutherstraße locken ihre bleichen Monde am Eingang die Schaulustigen, und ein großes Schild behauptet: ,Hier ist es richtig!‘, obwohl es so manchem hier durchaus nicht ganz richtig erscheinen will, doch das ist eben Ansichtssache!

Hier ist man völlig ,international‘, hier weiß man, daß es ,chaustellungen‘ sind, die die anders geartete Kaste dem normalen Publikum, den erlebnislüsternen Fremden gibt – und darum sind dort die schönsten, elegantesten und – teuersten Frauen zu finden.

Das Eldorado wurde auf Bildern und im Film verewigt.
Das Eldorado wurde auf Bildern und im Film verewigt.

Das Orchester singt mit verführerischer, aufreizender und geheimnisvoller Stimme, die Atmosphäre ist erfüllt von schwülen Parfüms und dem entnervenden Duft fast nackter weiblicher oder weiblich sein wollender Körper – und manche dieser Frauen gleichen Prinzessinnen in ihrer blassen Schönheit, die ihre schmerzhaften Erfahrungen zwischen den weißen Säulengängen und den dichtbesetzten Tischen dieses glänzend geschmückten, schloßartigen, hohen Raumes einhertragen.

Man staunt und bestaunt sie – und blickt interessiert auf andere, die den Gegensatz bilden zu ihnen, die stark vermännlichten Typen mit Etonkopf, Smoking und Monokel, die dreist ihre oft gar nicht dezenten Witze anbringen. Drüben an der Bar haust der dicke ,Barmann‘, wiegt sich in den Hüften, wirft Kußhände, lächelt und kokettiert – und man rätselt daran herum, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Tänzer und Tänzerinnen mehren sich, Pfropfen knallen – es ist natürlich Weinzwang – und elegante Paare drehen sich im Tanz.

Lebhaft begrüßt erscheint – Lu, freudig umarmt und geküßt von den Stammgästen, die ihr, indem sie ihr die Hand küssen, Schmeichelhaftes über die kostbare Brokattoilette zu sagen scheinen, die die wunderschöne Lu geradezu unwiderstehlich erscheinen läßt. Nur ganz Eingeweihte wissen ihr Geheimnis – daß Lu dem Stammbaum nach – ein Mann ist!

Ein Kleidungsstück aus der Berliner Modegeschichte.
Ein Kleidungsstück aus der Berliner Modegeschichte.

Es wird flott getanzt im Saal – die Zuschauer sitzen zu beiden Seiten auf den Estraden, Herren und Damen der Gesellschaft und Fremde, viele Ausländer, alles Menschen, die einmal einen Blick hinter die Kulissen tun wollen, einen Blick in die Sonderbarkeiten der großen, lebensgierenden Stadt, die soviel des Wunderlichen birgt … Ruth Margarete Roellig Es flattert Carlo herein zwischen die Menge, neigt sich, springt umher, schlank und grazil, in phantastischer Tracht – soweit von Bekleidung überhaupt die Rede sein kann – schwingt sich im Tanz, hat stürmische Ovationen – und lächelt entzückt.

Wie ein Phantom ist er wieder verschwunden, der ;Knabe Carlo‘. Andere treten auf, Sängerinnen und Tänzerinnen und geben ihre mehr oder minder bedeutende Kunst zum Besten, führen ihre Kostüme vor und verkaufen dann an den einzelnen Tischen ihre Konterfeis mit blassem Lächeln. Ist dies das Leben, dies Erzeugnis aus Überfluß, Genußsucht und Liebesverlangen? Hat dies hier einen Sinn? Wer sind die Frauen, angekettet an jene Liebe, die dem gleichen Geschlecht gilt, Zwielichtwesen, deren matte Seele mit Flötenklängen bis in Abgründe getrieben wird?

Da kommen – so um die Mitternachtsstunde – auch sie, die ,Girls‘, die jungen Berufstänzerinnen und geben ihre Kunst dem Publikum, winden das schlanke Gezweig ihrer blassen, gepuderten Glieder in wilden Verzückungen, als wollten sie ein Verschlingen schaffen von Tod und Seligkeit … Und manche der Besucher und Besucherinnen sind gefangen und sitzen lose Hand in Hand und Blick in Blick, und ihre Gedanken sind schwer von Lüsten.

Lichter darüber wie blaßzuckende Sterne, Rausch von Wein und bizarren Klängen – und der Philosoph, der zuweilen, getrieben von unbekannten Impulsen, herschleicht, als ginge er heimliche und unerlaubte Wege, sitzt, und seine schweren Augen gleiten über das Bild mit einem seltsamen Ernst.

Mode und Nachtleben gehörten zum Berlin jener Jahre.
Mode und Nachtleben gehörten zum Berlin jener Jahre.

Irgend etwas schreibt seine frauenhafte Hand auf die Weinkarte – und als er gegangen, finden sich wunderliche Worte, fremd und geheimnisvoll, darauf, Worte aus dem Tanzlied des Zarathustra, die da lauten: ,Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume, doch wer sich vor meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen Zypressen.‘ Und das Halbgeschöpf mit dem Etonkopf und dem Monokel, das zu den Intellektuellen gehört und hier irgendeine Funktion zu haben scheint, liest es – und wird nachdenklich.

Dann kommt das Lachen, das der Dienst erfordert. – Da setzt der weiche, sinnliche Bariton des Schlagersängers wieder ein und wirft ein leichtes und leichtfertiges Lied unter das tanzende Publikum, das es zum Teil mitsingt: ,Streng verboten ist die Liebe Zwischen dir und zwischen mir – – Streng verboten – –‘“ Im „Eldorado“ in der Motzstraße, um 1930 © Franz Scott Roellig verschweigt nicht, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen jeglicher Art in unterschiedlicher Ausprägung gesellschaftlich geächtet waren: Sexuelle Handlungen zwischen Männern wurden seit 1871 durch den § 175 unter Strafe gestellt.

Mitte der 1920er-Jahre versuchten konservative Kräfte – nach österreichischem Vorbild – auch lesbischen Sex zu kriminalisieren. Der Gesetzesvorschlag wurde nicht angenommen, auch die Bemühungen, den §175 abzuschaffen, scheiterten in den Weimarer Kabinetten. In der Literatur jener Jahre ist davon nur selten zu lesen, das lasterhafte Nachtleben wurde scheinbar ungebremst gefeiert.

Ein weiteres Zeugnis Berliner Gestaltung.
Ein weiteres Zeugnis Berliner Gestaltung.

Das „Eldorado in der Lutherstraße scheint Konečný nach wenigen Jahren zu eng geworden zu sein: Im März 1930 erwarb er die Schankerlaubnis in einem komfortableren und weitläufigeren Restaurant in der Motzstraße 15, das er ebenfalls Eldorado nannte. Es existierten nun zwei Etablissements dieses Namens, die beide auf Servietten und über dem Eingang behaupteten, „Hier ist‘s richtig!“ sodass sich Stammgäste überlegen mussten, welchem Lokal sie ihre Gunst schenken sollten. Bestenfalls, wie Curt Moreck in seinem Führer durch das lasterhafte Berlin vorschlug, indem sie erst das eine und dann das andere aufsuchten.

Morecks Empfehlung zur Nachahmung kam, als sein Buch 1931 erschien, jedoch zu spät, denn da war das Lokal in der Lutherstraße schon Geschichte. Keine zwei Jahre später schloss auch das Eldorado in der Motzstraße. Am 23. Februar 1933 erließ Hermann Göring, der preußische Innenminister, einen Runderlass zur Schließung von Gaststätten, „die zur Förderung der Unsittlichkeit missbraucht werden“ und „die den Kreisen, die der widernatürlichen Unzucht huldigen, als Verkehrslokale dienen“. Wenige Tage später klebten Hakenkreuze in den Fenstern, über dem Eingang forderte ein Plakat auf, bei der Reichstagswahl am 5.

März 1933 erneut Hitler zu wählen. Heute erinnert an eben jener Stelle ein Schriftzug in historischer Typografie an die berühmteste Zeit des Ortes. Nach Nutzungen verschiedenster Art ist hier nun ein Bio-Supermarkt eingezogen.