„Das Haus Mannheimer Straße 43 liegt weit draußen an der Grenze zwischen Wilmersdorf und Schmargendorf. Die Aussicht geht auf freies Feld und Laubenkolonien, so daß ein Entkommen aus dieser Gegend besonders bei Anbruch der Dunkelheit ohne Schwierigkeiten hätte vor sich gehen können. Die von jedem Verkehr abgelegene Straße scheint auch besonders für den Versteck eines Gesuchten geeignet zu sein.“ So steht es am 17. Januar 1919 in der Berliner Morgenpost. Ein Reporter hatte sich umgehend aufgemacht nach Wilmersdorf, in die reiche, gut- bis großbürgerliche Nachbarstadt Berlins, die zwei Tage zuvor Schlagzeilen gemacht hatte. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hatte man aufgespürt, die dringend gesuchten charismatischen Spitzen der gerade erst gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands. Mannheimer Straße 27 (früher 43), 2025 Karl Liebknecht Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg.
Rosa Luxemburg.

Erinnerungssplitter: Der große Krieg war verloren. Einige hatten gut daran verdient, die Mehrheit aber Hunger und Trauer ertragen. Nun rumorte es in der Arbeiterschaft. Die linke Sozialdemokratie, der Spartakusbund, scharte sich um den Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht. Im Reichstag war er der Erste gewesen, der – anders als seine SPD-Genossen – gegen den Krieg stimmte. Zwei Jahre verbrachte er im Gefängnis. Etwa gleich lange saß zur „Abwendung einer Gefahr für die Sicherheit des Reichs“ die Schriftstellerin Dr. Rosa Luxemburg ein. Doch meldete sie sich aus ihrer Zelle heraus erstaunlich laut zu Wort. Und als beide im Herbst 1918 freikamen, stellten sie sich an die Spitze derer, die nach dem Vorbild Russlands eine sozialistische Republik erstrebten. Liebknecht proklamierte sie sogar. Sie musste aber erstritten werden in Berlins Straßen des Januar 1919. Die Truppen der Reichswehr obsiegten jedoch. Sie und rechte Kreise der SPD um den Volksbeauftragten für Verteidigung Gustav Noske trachteten den revolutionären Sozialisten nach dem Leben. Noske ließ Post und Telefon von Liebknecht überwachen, der sich nicht mehr zu seiner Familie in die Steglitzer Bismarckstraße 75 wagte. Ebenso wenig traute sich Luxemburg noch in ihre Wohnung bei Liebknechts um die Ecke in der Cranachstraße 58 oder nach Neukölln in die Schwarzastraße 9 zu ihrem ehemaligen Lebensgefährten Leo Jogiches. Karl und Rosa tauchten unter am Halleschen Tor, dann bei Richard Nowakowski, einem linken Sozialdemokraten, in der Neuköllner Weisestraße 6. Dort besuchte sie sofort Mathilde Jacob, Rosas enge Freundin, und riet schleunigst zu einem anderen Versteck. In Betracht kam die Mannheimer Straße 43 (heute 27). Dort, in der ersten Etage wohnte in einer Fünfzimmerwohnung eine andere Freundin von Rosa, die Kinderärztin Wanda Marcusson, 58 Jahre alt, mit ihrem vier Jahre jüngeren Gatten Siegfried, Kaufmann, Kunstbeirat der Freien Volksbühne, Mitglied des Wilmersdorfer Arbeiter- und Soldatenrats, und dem 18-jährigen Sohn Erwin. Sie hatten Telefon. Es gab kein Zögern. Am 14. Januar abends schmuggelten sich die zwei Gesuchten an den Straßenkontrollen der Soldaten vorbei in ihre neue Unterkunft. Liebknecht setzte sich sofort an einen Artikel für Die Rote Fahne, der noch am nächsten Tag erschien – einem Vermächtnis gleich: „Unser Schiff zieht seinen geraden Kurs fest und stolz dahin bis zum Ziel. Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird – leben wird unser Programm: es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!“ Ortswechsel: Allmorgendlich tauchte vor der Wohnung der Liebknechts der Genosse Otto Franke auf, um Karls Frau Sophie zu signalisieren: „Alles in Ordnung.“ Am 16. Januar blieb er aus, erinnerte sie sich. „Von Angst und Unruhe um meinen Mann getrieben ging ich (wohl zwischen 11 und 12 Uhr vormittags) auf die Straße, ich wollte versuchen, vielleicht bei Mathilde Jacob oder sonst jemandem zu erfahren, wo mein Mann und Rosa die letzte Nacht untergekommen waren; da brachte mir, laut grinsend, der Zeitungsverkäufer die Zeitung vorbei. Ich Flugblatt vom Dezember 1918 / Januar 1919

Karl Liebknecht.
Karl Liebknecht.
Zeitgenössischer Aufruf.
Zeitgenössischer Aufruf.

ging nach Hause. Etwas später [...] war die ganze Wohnung zum Sammelpunkt unserer Freunde und Bekannten geworden.“ Was war geschehen? Spät am Abend des 14. Januar hatte Liebknecht mit Erwin Marcusson einen Spaziergang unternommen. War er erkannt worden? Hatte die Polizei Hinweise erhalten, dass sich bei Marcussons Kommunisten treffen wollten? Gab Paul Schöpfer am Tresen der Eckkneipe im Nachbarhaus Berliner Straße 122 seinen Gästen von der Kriminalpolizei Auskunft? Mutmaßungen. Wie auch immer, am 15. Januar gegen neun Uhr abends erzwangen fünf Bewaffnete Einlass in Marcussons Wohnung, ein Rechtsbruch gegen Artikel 6 der Preußischen Verfassung. Denn zur Haussuchung waren sie nicht befugt – auch mit der Armbinde der Wilmersdorfer Bürgerwehr nicht. Diese Einwohnermiliz hatte sich fünf Tage zuvor in der Cecilienschule am Nikolsburger Platz formiert. Sie unterstand der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die ihr Hauptquartier im noblen „Eden-Hotel“ am Kurfürstendamm 246/247 (heute Budapester Straße 35) hatte. Ein Hauptmann, Waldemar Pabst, kommandierte sie kommissarisch. Bruno Lindner, Kaufmann aus der Wilmersdorfer Mainzer Straße 7, und der Gastwirt Wilhelm Moering drangen als Erste in Marcussons Wohnung ein. Im Speisezimmer fiel ihnen ein Mann auf, der sich suspekt verhielt. Er gab sich als Verwandter des Hausherrn aus. Lindner und Moering brachten den Verdächtigen in die Cecilienschule. Das Monogramm im Jackett „K L“ verriet ihn. Man ließ sich im Fernsprechamt mit der Reichskanzlei verbinden und wartete etwa eine halbe Stunde auf Anweisungen, was mit dem Verhafteten zu geschehen sei. Sie erhielten keine, also fort mit ihm zum „Eden-Hotel“. Unterdes fiel den am Ort des Verstecks zurückgebliebenen Männern von der Bürgerwehr im Nebenzimmer ein weiteres verdächtiges Subjekt auf, eine Frau, die mit Kopfschmerzen im Bett lag. Sie befahlen ihr aufzustehen. Beim Ankleiden beschädigte sie ihr Kleid, lieh sich von ihrer Freundin ein Paar Wollsocken und machte sich fertig zum Abtransport. Da klingelte es an der Tür. Ein Wachtmann öffnete. Überrascht trat der Gast ein. Er sollte den Versteckten eigentlich falsche Papiere bringen. Auch er wurde verhaftet. Gegen 22 Uhr kamen Lindner und Moering in die Mannheimer Straße zurück. Sie hatten Liebknecht abgeliefert. Nun brachten sie die beiden neu Verhafteten direkt ins „Eden-Hotel“. Waldemar Pabst vernahm in seinem requirierten Hotelzimmer nach Liebknecht auch die zwei Neuen (Sind Sie Fräulein Luxemburg? – Nein! – Wer dann? – Frau Luxemburg), und Rosa fand noch Gelegenheit, ihr Kleid zu flicken. Wenig später waren sie und Liebknecht tot, mit Gewehren niedergeschlagen, er im Tiergarten hinterrücks ermordet, sie im Automobil auf dem Wilmersdorfer Bürgerwehr vor dem Haus, in dem zuvor Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verhaftet wurden, 15. Januar 1919

Bürgerwehr vor dem Haus in der Mannheimer Straße.
Bürgerwehr vor dem Haus in der Mannheimer Straße.
Andreas Hoffmann: Versteckt in Berlin.
Andreas Hoffmann: Versteckt in Berlin.

Kurfürstendamm. Der Dritte konnte fliehen. Egal. Pabst kannte ihn nicht: Wer war Wilhelm Pieck? Die Marcussons zogen im nächsten Jahr in ein Doppelhaus in der Hanauer Straße 34, und Siegfried wurde zum Wilmersdorfer Stadtverordneten gewählt. Wanda starb im Oktober 1931, Siegfried Ende Mai 1933. Ihr Sohn Erwin, aus der „Schutzhaft“ entlassener Internist, heiratete 1934 Hildegard Zehden, Medizinstudentin, als jüdische Kommunistin von der Berliner Universität relegiert. Ihr Vater, ein bekannter Arzt, wurde in Theresienstadt ermordet, ihre Mutter in Auschwitz. Das junge Paar überlebte die NS-Zeit in der Emigration. Es überlebte auch, dank Sophie Liebknechts Fürsprache, Stalins „Säuberungen“ und kehrte 1947 aus Kasachstan nach Deutschland zurück in die Sowjetische Besatzungszone. Erwin brachte es in der DDR bis zum stellvertretenden Gesundheitsminister und starb 1976. Hildegard habilitierte sich und wurde für ihre Arbeit in der Mütterberatung und Schulhygiene hochgeehrt. Sie starb 1992. Seit 2006 trägt eine Straße in Rummelsburg ihren Namen. Begraben sind beide nicht weit von Liebknecht, Luxemburg und Pieck auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, jedes Jahr am zweiten Januarsonntag Ziel tausender Menschen, die mit roten Nelken ihr Bekenntnis zum Sozialismus ablegen. In der Mannheimer Straße 27 gibt es seit Januar 1990 eine Gedenktafel. Das Bezirksamt Wilmersdorf musste sie in den Bürgersteig legen lassen. Die Hauseigentümer gaben ihre Fassade für solcherlei Gedenken nicht her.

Die Gedenktafel im Bürgersteig vor dem Haus.
Die Gedenktafel im Bürgersteig vor dem Haus.