Wer heute durch den Kollwitzkiez spaziert, sieht Kinder auf Rollern, Eltern mit Kaffeebechern, Jogger auf dem Rundweg und Touristen, die ihre Handys in Richtung eines mächtigen Backsteinturms strecken. Der Dicke Hermann, wie der Wasserturm in Prenzlauer Berg seit Generationen genannt wird, gehört längst zum Alltag des Viertels. Schwer und rund steht er auf dem Windmühlenberg zwischen Knaackstraße, Belforter Straße und Diedenhofer Straße, als hätte er dort schon immer hingehört. Dabei begann hier alles lange vor Cafés, Altbausanierungen und Bio-Bäckern. Auf dem Hügel standen einst Windmühlen.

Der Prenzlauer Berg lag weit vor den Toren Berlins, locker bebaut, windig, fast ländlich. Erst mit dem rasanten Wachstum der Hauptstadt im 19. Jahrhundert wurde aus der Gegend ein Teil der expandierenden Großstadt. Startschuss für die Berliner Wasserversorgung Und Berlin hatte damals ein gewaltiges Problem: Wasser. Die Stadt wuchs schneller als ihre Versorgung. Viele Menschen holten ihr Wasser noch aus Brunnen, die oft verschmutzt waren. Krankheiten wie Cholera breiteten sich regelmäßig aus. Mitte des 19.

Der Dicke Hermann im Grünen.
Der Dicke Hermann im Grünen.

Jahrhunderts wurde klar, dass Berlin eine moderne Wasserversorgung brauchte, wenn die Stadt nicht im Dreck und in Seuchen versinken wollte. 1852 beauftragte die preußische Regierung deshalb das britische Unternehmen Fox & Crampton mit dem Aufbau eines zentralen Wassersystems. Wenige Jahre später entstand auf dem Windmühlenberg eine Anlage, die heute als eine der Keimzellen der Berliner Wasserversorgung gilt. Zunächst errichteten die Ingenieure einen offenen Wasserbehälter mit einem Fassungsvermögen von 3000 Kubikmetern und einen sogenannten Steigrohrturm.

Das Wasser kam vom ersten Berliner Wasserwerk an der Spree vor dem Stralauer Tor hierher. Der Turm regelte den Druck in den Leitungen – damals eine technische Sensation. Rund 400 000 Menschen konnten dadurch mit fließendem Wasser versorgt werden. Während unten noch Pferdewagen durch schlammige Straßen rumpelten, entstand oben auf dem Hügel ein Stück Zukunft. Wasserturm Prenzlauer Berg Doch Berlin hörte nicht auf zu wachsen. Immer dichter wurde die Bebauung rings um den Prenzlauer Berg. Mietskasernen entstanden, Arbeiterfamilien zogen in Scharen in den Norden der Stadt. Der Wasserbedarf stieg rasant.

Eine Gedenktafel erinnert an die Geschichte des Ortes.
Eine Gedenktafel erinnert an die Geschichte des Ortes.

Zwischen 1875 und 1877 entstand deshalb der eigentliche Wasserturm Prenzlauer Berg – jener gewaltige Rundbau aus Backstein, der bis heute das Viertel prägt. Entworfen wurde er vom Architekten Wilhelm Vollhering. Fast 30 Meter hoch ragte der Turm auf. Im oberen Bereich befand sich der riesige Wasserbehälter, darunter Werkstätten, Büros und Wohnungen für Mitarbeiter der Wasserbetriebe. Tatsächlich wohnen dort bis heute Menschen. Die Wohnungen im Wasserturm zählen inzwischen zu den ungewöhnlichsten Adressen des Bezirks. Hinter den dicken Mauern lebt man mitten in einem technischen Denkmal aus der Gründerzeit.

Der Turm versorgte große Teile des nördlichen Berlins mit Wasser und wurde damit zu einer der Voraussetzungen für das Wachstum des damaligen Arbeiterbezirks. Ohne moderne Infrastruktur hätte sich der Prenzlauer Berg niemals so entwickeln können. Wasserleitungen und Kanalisation machten erst jene extreme Verdichtung möglich, für die der Bezirk später bekannt wurde. Rund um den Turm entstand nach und nach eine Grünanlage. Der alte Windmühlenberg wurde umgestaltet, Wege wurden angelegt, später Spielplätze gebaut. Schon damals war der Hügel ein besonderer Ort mit weitem Blick über die Dächer Berlins.

Die Gewölbe unter dem Hügel.
Die Gewölbe unter dem Hügel.

Der Wasserturm im Nationalsozialismus 1933 bekam der Ort eine völlig andere Bedeutung. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten übernahm die SA das Gelände am Wasserturm und richtete im ehemaligen Maschinenhaus eines der „frühen“, „wilden“ Konzentrationslager Berlins ein. Mitten im dicht besiedelten Arbeiterbezirk wurden politische Gegner verschleppt, misshandelt und gefoltert. Vor allem Mitglieder der KPD und anderer Arbeiterorganisationen gerieten ins Visier der SA. Auch Juden und andere Verfolgte wurden hier festgehalten. Viele Menschen in Prenzlauer Berg wussten, was hinter den Mauern geschah.

Denn die Fenster des Maschinenhauses waren teilweise ohne Verglasung. Nachts drangen die Schreie der Gefangenen hinaus auf die Straßen des Viertels. Der Terror sollte sichtbar und hörbar sein. Es war Absicht, Angst zu verbreiten, Widerstand zu brechen und Macht zu demonstrieren. Das Lager existierte nur wenige Monate. Trotzdem gehört das Gelände zu den frühen Schauplätzen des nationalsozialistischen Terrors in Berlin. Heute erinnert unterhalb des Wasserturms eine Gedenkwand aus roten Klinkersteinen an die Opfer. Viele Menschen laufen daran vorbei, ohne stehenzubleiben.

Historischer Blick auf den Wasserturm.
Historischer Blick auf den Wasserturm.

Das Gelände nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Krieg verfiel das Gelände zunächst. Zeitweise nutzten die Berliner Stadtreinigungsbetriebe Teile des Areals sogar als Müllplatz. In DDR-Zeiten dienten Räume unterhalb des Turms als Lagerflächen. Erst später begann man, den historischen Wert der Anlage wiederzuentdecken. 1990 wurde das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. In den folgenden Jahren sanierte man den Turm, die Grünflächen und die historischen Anlagen umfassend.

Heute gehören der Rosenhang, die Treppenanlagen, der kleine Weinberg und die Wege rund um den Wasserturm zu den beliebtesten Orten im Kollwitzkiez. Der Platz wirkt dabei seltsam ruhig für einen so geschichtsschweren Ort. Kinder spielen unter den alten Mauern, Jugendliche sitzen auf den Stufen des Windmühlenbergs, unten klirren Weingläser vor den Restaurants der Knaackstraße. Darüber ragt der alte Backsteinturm in den Himmel wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Und eigentlich ist er genau das auch.

Das Wahrzeichen von Prenzlauer Berg heute.
Das Wahrzeichen von Prenzlauer Berg heute.

Der Wasserturm hat sämtliche Verwandlungen des Prenzlauer Bergs miterlebt: den technischen Aufbruch der Gründerzeit, das Wachstum des Arbeiterbezirks, den Terror der NS-Zeit, Krieg, DDR, Verfall, Sanierung und schließlich den Wandel zum heutigen Szeneviertel. Der Dicke Hermann steht einfach weiter da.