An der Potsdamer Straße, Ecke Pallasstraße – dort, wo heute das Pallasseum mit seinen 514 Wohnungen etwa 2000 Menschen Wohnraum bietet, stand zuvor der Berliner Sportpalast. 1910 vom Architekten Hermann Dernburg errichtet, galt der imposante Bau als größte Halle der Welt. Besonderen Eindruck hinterließ die 2400 Quadratmeter messende Kunsteisbahn.
Je nach Bestuhlungsvariation bot der Sportpalast bis zu 10 000 Besucherinnen und Besuchern Platz, hier fanden das Sechstagerennen, Boxwettkämpfe und Hallenreitturniere statt, das Gebäude konnte auch zum Kino umfunktioniert werden und wurde in der Weimarer Republik von den großen Parteien für Veranstaltungen angemietet. Am 18. Februar 1943 schwor Propagandaminister Joseph Goebbels hier auf einer Großkundgebung die Massen auf „den totalen Krieg“ ein – eine Rede, durch die der Ort einen Platz in den Geschichtsbüchern erhielt.
Ein Jahr später wurde der Sportpalast ausgebombt, nach dem Krieg vereinfacht wiederhergestellt und für Sport- und Konzertveranstaltungen genutzt. Der Betrieb der Halle wurde jedoch zunehmend unwirtschaftlich, sodass sie 1973 dem sozialen Wohnungsbau weichen musste. 1929 erschien mit Spazieren in Berlin, „ Lehrbuch der Kunst, in Berlin spazieren zu gehen, ganz nah dem Zauber der Stadt, von dem sie selbst kaum weiß“.
Der Autor Franz Hessel (1880– 1941) flaniert auch durch Schöneberg – die erste Station dort ist der Sportpalast: Wer das Volk von Berlin im Fieber sehn will, versäume nicht, einen Teil der 144 Stunden zu erleben, in denen auf schräger Holzbahn die Fahrer des Sechstagerennens ihre Runden durch die Riesenhalle machen. Im Mittelraum und in den Logen wird er Gesellschaft sehn, ,Köpfe‘, Prominente, schöne Schultern in Zobel und Fuchs. Will er aber unter den wahren Kennern sitzen, unter denen, deren Anteil am unmittelbarsten und berlinischsten ist, muß er sich unter die Sweater und Windjacken auf der Galerie mischen.

Da wird keine wichtige Wertung oder Überrundung unbeachtet gelassen, da wird strengste Kritik geübt und am heftigsten geklatscht. Ist gerade ›nichts los‹, wird Karten gespielt. Dann wieder hallen und zischen die Vornamen der anzufeuernden Lieblinge, welche man hier oben kennt, ohne sich an Zahl und Trikotfarbe des sausenden Rückens orientieren zu müssen, durch den Dunst. Hier findest du auch einen gutmütigen Nachbarn, der dich über die Phasen des Kampfes, Jagden, Ablösungen, Strafrunden, Spurt belehrt und dir die Bedeutung der Lampensignale: grün = Wertung, blau = Prämie, rot = Neutralisation, erklärt.
Gern sagt der Berliner dir Bescheid, so wunderlich ihm auch einer vorkommt, der von diesen wichtigsten Dingen nichts weiß, die er selbst schon als kleiner Junge gelernt hat. Wenn dann aber eine bemerkenswerte Nuance oder neue wichtige Etappe der geregelten Raserei da unten deutlich wird, wendet er sich von dir weg, ist ganz Auge und Ohr, beschimpft und bejubelt den oder die, auf die er mit seinen Kumpanen oder im eignen Herzen mit dem Schicksal gewettet hat. Er vergißt dich, die Freunde, Beruf und Liebe, Lust und Verdruß.
Von den beiden großen Bedürfnissen des römischen Volkes, panis et circenses, beherrschen ihn nur noch die circenses. Londoner und Pariser in Sweater und Halstuch sind gewiß auch große Sportkenner und -enthusiasten, aber sie haben ältere Erfahrungen teils im Sport, teils in Weltstadtfreude überhaupt. Hier aber sitzest du neben dem jüngsten Großstädter. Der ist noch unblasiert, wenn er sich auch gelassen stellt mit seinem ,Selbstredend‘ und ,Kommt nich in Frage‘ (der neuen Form für das ältere ,Ausjeschlossen‘). Er fiebert im Massenrausch.
Er fährt wie aus tiefem Traum, wenn der Gongschlag den Beginn einer neuen Stunde verkündet. Einen Augenblick verläßt sein Blick die Spur seines Fahrers und streift den Apparat, der die geleisteten Kilometer anzeigt. Im Paroxysmus kannst du ihn sehn bei plötzlichen Jagden oder in der letzten Nacht, wenn sein Feuer noch geschürt wird durch die Zählapparate am Ziel, welche die noch zu fahrenden Minuten angeben. Doch auch in seinen gelinderen Momenten ist er unterhaltend. Da spielt zum Beispiel die Kapelle statt seiner Lieblingsmelodien irgendein mondänes Stück, das ihn langweilt.

Gleich geht’s los: „Wo bleibt denn der Sportpalastwalzer? Ihr Fettjemachten, ihr Volljefressnen! Andre Kapelle! Halt’t Schnauze mit eurem ,Ich küsse Ihren ... Madame‘.“ Und als dann die Kapelle den gewünschten Walzer spielt, pfeifen die da oben mit durch die Finger und machen noch besondre Fiorituren um die Melodie herum. Dazwischen stößt die heisere Stimme des Kellners: ›Wer wünscht noch Bier, Brause?‹ Ein witziger Zeitungsausrufer reimt: ,Die Mottenpost, die bloß’n Jroschen kost’t.‘ Späte Nachzügler werden begrüßt: „Jetz kommt det Kind von der Post ...
Na, du oller Hundertfünfunsiebziger, wo hast de denn so lange jesteckt? Mensch, hast wohl zu lange jefastet, siehst ja aus wie ’ne Spiritusleiche.“ Ein Schreck zuckt durch die Fladen des Rauchs, die Büschel der Scheinwerfer: es ist ein Fahrer gestürzt. Ist der Sturz schwer? Man weiß noch nicht. Die andern kreisen weiter. Man schleppt den blutenden in seine Koje am Innenbord der Bahn. Vielleicht kann schon der Masseur ihm helfen, und er braucht nicht zur Arztstation. Die seidnen Damen am nächsten Sekttisch beugen sich einen Augenblick über die Brüstung zu ihm. Dann wird er vergessen.
So ist der Sportpalast in einer der oft und fachmännischer erzählten großen Nächte. Eine eigene Schönheit hat er während des Sechstagerennens auch in manchen stilleren Nachmittagsstunden, wenn milchig blaues Tageslicht in die Bretterbahn fällt, auf der die Räder leise surren, und gelbe und blaue Reklameplakate bestrahlt. Das gibt dem hölzernen Raum eine Wärme und Dichtigkeit, wie sie sonst unser Berlin nur selten hat. Sport ist international und kennt keine politischen Parteien. Aber sein Palast hier steht auch der politischen Leidenschaft offen. Große Kundgebung der Nationalsozialisten wird angekündigt.
Die Hallen füllen sich. Vor den Toren patrouilliert die Polizei, denn man rechnet mit Gegendemonstrationen der ,Roten‘ draußen. Und vom Aneinandervorbei bis zum Prügeln ist der Weg nicht weiter als bei den Montecchi und Capuletti der vom ,Eselbohren‘ bis zum Blankziehen. Mit einmal heißt es, die Kommunisten versuchen den Palast zu stürmen. Die Polizei bekommt Verstärkung. Gummiknüppel werden geschwungen. Wer angefangen hat, ist schwer festzustellen. Wenn sie nicht ihre Abzeichen trügen, Orden der Reaktion oder Revolution, sie wären kaum zu unterscheiden, die kecken Berliner Jungen aus beiden Lagern.

Mitunter lauern auch draußen die vom Stahlhelm, während drinnen die Roten tagen. Dann ist der Saal mit breiten roten Spruchbändern behangen. Ordner müssen die Treppengänge immer wieder frei machen. Stühle werden hergeschleppt und nachgerückt im überfüllten Saal. Von den Schwalbennestern oben bis an die Türen unten ist alles voll. Gefügig drückt sich die Menge beiseite, wenn mit Musik die Rotfront einzieht. Kriegerisch ist die Musik, welche die Genossen begeistert, wie einst die, bei der sie Kameraden waren. Ganz junge Burschen ziehn beckenschlagend voran, Pfeifer folgen ihnen im Gleichschritt.
Die geballte Faust der Männer, die offne Hand der Knaben grüßt die Fahnen. All das nimmt der Sportpalast mit einer Art riesenhafter Gutmütigkeit in seine runden Weiten. Mit unparteiischem Echo dröhnen seine Wände ,Hakenkreuz am Stahlhelm‘ und ,Auf zum letzten Gefechte‘ wieder wie die Zurufe der Sportfreunde. Es ist ja alles Überschwang derselben ungebrochnen Lebenslust. Lange Zeit war Franz Hessels Spazieren in Berlin vergriffen. Der Verlag für Berlin-Brandenburg hat es nun wieder neu aufgelegt und lädt ein zu einer Zeitreise in die späte Weimarer Republik.
Hessel schafft es, das Berlin seiner Zeit so bildreich zu beschreiben, dass längst verschwundene Gebäude, Brunnen, Straßenzüge und Parkanlagen das heutige Straßenbild vor dem inneren Auge überlagern. Ein faszinierendes Zeitdokument – ein Muss für alle, die Berlin gern zu Fuß erkunden.
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