Schaut man von der Potsdamer Straße in den Heinrich-von- Kleist-Park führt der Blick durch zwei prachtvolle, von ionischen Doppelsäulen getragene Wandelhallen über die Grünanlage hinweg zum repräsentativen Gebäude des Kammergerichts. Eine würdige architektonische Gesamtkomposition mag man flüchtigen Blickes meinen, doch schaut man genauer hin, so ist das Gerichtsgebäude ein wenig aus der Achse der darauf zulaufenden Kolonnaden geschoben, deren klassizistische Architektur nur bedingt Ähnlichkeiten mit der verspielteren Fassade des 1913 seiner Bestimmung übergebenen Gerichtsbaus aufweist.

Was viele nicht wissen: Die historistisch anmutenden Sandsteinkolonnaden sind älter, als es den Anschein hat, und sie standen ursprünglich an einem ganz anderen Ort. Die Kolonnaden an der Königsstraße Errichtet wurden die Kolonnaden zwischen 1777 und 1780 nach Entwürfen des Architekten Carl von Gontard, der heute noch als Baumeister der Türme des Französischen und des Deutschen Doms bekannt ist.

Zuvor hatte er im Auftrag Friedrichs II. die Spittelkolonnaden als Einfassung einer Brücke über den südlichen Festungsgraben an der Leipziger Straße entworfen, deren eine Hälfte heute als Rekonstruktion unweit des ursprünglichen Standorts zu sehen ist. Eine noch dekorativere Gestaltung wünschte sich der Alte Fritz für die Königsbrücke, die am nordöstlichen Rand der ursprünglichen Berliner Stadtbefestigung den Festungsgraben überspannte. Die vom Großen Kurfürst Mitte des 17.

Ionische Doppelsäulen prägen die Wandelhallen.
Ionische Doppelsäulen prägen die Wandelhallen.

Jahrhunderts errichtete Wehranlage mit vorgelagertem Festungsgraben wurde knapp 60 Jahre später schon wieder geschleift, weil sie aufgrund der rasant wachsenden Vorstädte nutzlos im Stadtgebiet auf wertvollem Bauland stand, das sich – unweit des Berliner Schlosses – auch wunderbar nutzen ließ, um Berlin in architektonischer Hinsicht als Residenz- und Hauptstadt aufzuwerten. Der Wassergraben blieb als Markierung des alten Stadtkerns vorerst erhalten, die hölzerne Königsbrücke am Ochsenmarkt, dem heutigen Alexanderplatz, wurde von Gontard durch ein vierbogiges Bauwerk aus Rothenburger Sandstein ersetzt.

Zusammen mit den ebenfalls aus Sandstein gefertigten Kolonnaden, die als architektonische Ergänzung der Brücke vorgesetzt wurden und bereits bestehende Häuserfluchten verlängerten, erhielt der Weg zur preußischen Residenz die gewünschte repräsentative Note. Denn anders als heute, wo die Karl-Liebknecht-Straße geradewegs zum Boulevard Unter den Linden wird, war die Königsbrücke seinerzeit der meistfrequentierte Durchlass in die innere Stadt.

Eine historische Darstellung der Kolonnaden.
Eine historische Darstellung der Kolonnaden.

Der Verkehr wurde die Königsstraße (heute: Rathausstraße) entlang geschleust, eine Prachtstraße mit exklusiven Ladengeschäften, Konditoreien und Kaffeehäusern, die am Rathaus (noch nicht dem roten) und dem Stadtgericht vorbei zum Schloss führte, um erst am Forum Fridericianum (das Gebiet um den heutigen Bebelplatz) auf die von Linden gesäumte Allee einzuschwenken. Gestalterisch markieren die Kolonnaden den Übergang vom verspielt-ornamentalen Rokoko zum strengeren, hier bereits dominierenden Klassizismus. Ionische Kapitelle, Girlanden und Trophäen schmücken das Bauwerk.

Figuren spielender Kinder mit Emblemen des Ackerbaus, des Handels und des Handwerks zieren die nicht zugänglichen Balustraden der Attika, in der Mitte der 52 Meter langen Laubengänge stehen je zwei größere, von Friedrich Elias Meyer d. Ä. geschaffene Figuren. Die rundbogigen Durchbrüche führten in kleine Geschäfte und Lokale mit dahinter liegenden Gärten.

Die Kolonnaden an ihrem früheren Standort.
Die Kolonnaden an ihrem früheren Standort.

Witterung und Verschleiß setzten dem Sandstein des Ensembles zu, 1831 veranlasste der Berliner Magistrat eine erste umfassende Restaurierung der Kolonnaden, der Klinkerboden in den Laubengängen wurde durch Granit ersetzt, die Zierfiguren auf dem Dach wurden ausgebessert. Der zunehmende Verkehr machte eine Verbreiterung der nur elf Meter breiten Königsbrücke notwendig, die aus finanziellen Die Königsbrücke mit den Königskolonnaden auf einem Gemälde von Eduard Gärtner (1835). Wo einst der Festungsgraben entlangführte, fährt heute die S-Bahn. Gründen jedoch nicht realisiert werden konnte.

1855 wurden gravierende Mängel in der Bausubstanz festgestellt, doch erst 17 Jahre später erfolgten Abriss und Neubau der Brücke. Letzteren hätte man sich schlussendlich sparen können, denn nach nur sechs Jahren wurde sie abgebrochen, der zumeist ausgetrocknete Festungsgraben zugeschüttet und mit dem Viadukt der Stadtbahn überbaut. Damit verloren die Kolonnaden ihren städtebaulichen Kontext und wirkten wie Fremdkörper in der durch zahlreiche Neubauprojekte sich rasant verändernden Umgebung.

Historische Stadtansicht mit den Kolonnaden.
Historische Stadtansicht mit den Kolonnaden.

Statt Abriss: Ein zweites Leben im Kleistpark 1909 wurde der Bau eines großen Kaufhauses der Firma Wertheim beschlossen, dessen Front zur Königstraße (seit 1873 ohne Fugen-s) die südlichen Kolonnaden im Weg standen. Zudem stellten die historischen Wandelhallen mittlerweile ein Verkehrshindernis dar, sodass entschieden wurde, die aus der Zeit gefallene Anlage Stein für Stein abzutragen, um sie an anderer Stelle wieder zu errichten. Nun hätte man sie auch einfach abreißen können, damit wäre jedoch einer der bedeutendsten Berliner Blick von der Königstraße Richtung Alexanderplatz.

Fotografie von Waldemar Titzenthaler (1909). Hinter den Kolonnaden ist die Brücke der Stadtbahn mit der nordwestlich anschließenden Bahnsteighalle des Bahnhofs Alexanderplatz zu erkennen. Auf der linken Straßenseite steht heute ein Geschäftshaus, das eine TK-Maxx-Filiale beherbergt. Blick vom Bahnhof Alexanderplatz in die Königstraße (heute Rathausstraße) auf einer Fotografie von Zander und Labisch (1903). Die Kolonnaden am linken Bildrand mussten 1910 einem Kaufhausbau weichen. Heute steht hier das CUBIX-Kino. Bauten des 18. Jahrhunderts verloren gegangen.

Das historische Bauensemble im heutigen Kleistpark.
Das historische Bauensemble im heutigen Kleistpark.

Nachdem der Leipziger Platz oder der Alexanderplatz als mögliche neue Standorte verworfen wurden, fiel die Wahl auf den Heinrichvon-Kleist Park in der Schöneberger Vorstadt, der zu jener Zeit auf dem Gelände des ehemaligen Botanischen Gartens vor der Baustelle des Kammergerichtsgebäudes angelegt wurde und anlässlich des 100. Todestags des Dichters am 21. November 1911 seinen Namen erhielt. Die Kosten der Translozierung übernahm der Kaufhauskonzern Wertheim. Natürlich spaltete die Standortwahl die Gemüter.

Kritiker monierten, dass die repräsentativen Kolonnaden, die eine Hauptverkehrsader im Herzen der Stadt flankierten, nun zu einer Nebenrolle als dekoratives Portal einer mittelgroßen Grünfläche degradiert seien. Andere begrüßten die Entscheidung, weil die beiden Laubengänge in der umgestalteten Innenstadt ihren Prestigestatus längst verloren hätten und am neuen Ort, gerade in der Ausrichtung zum Kammergericht, noch einmal neue Würdigung erführen. Über die außergewöhnliche Geschichte der Königskolonnaden findet man vor Ort keine Informationen.

Seitliche Ansicht der Königskolonnaden.
Seitliche Ansicht der Königskolonnaden.

Eine orangefarbene Infotafel des Projekts „Historische Orte sichtbar machen“, die direkt an der Potsdamer Straße steht, erzählt die Geschichte des Botanischen Gartens, verliert jedoch kein Wort über das historische Bauensemble. Eine Gedenktafel in der Rasenfläche zwischen den Laubengängen verweist auf das verhältnismäßig weit entfernte Kammergerichtsgebäude. Eine in den 1960er-Jahren an den Kolonnaden angebrachte Bronzetafel, die in knappen Worten die Historie skizziert, scheint verschwunden. Kanntet ihr die Geschichte dieses Ortes?