Südöstlich des Rheingauviertels entstand Ende der 1920er- Jahre mit der Künstlerkolonie Wilmersdorf ein außergewöhnliches Wohnprojekt, das als exemplarisches Zusammenspiel von sozialem Wohnungsbau, städtebaulicher Reformidee und kultureller Avantgarde gilt. Bereits vor 100 Jahren lebten und arbeiteten viele Künstlerinnen und Künstler unter prekären Bedingungen, verfügten jedoch kaum über soziale Absicherung. So entstand Mitte der 1920er-Jahre die Idee, eine Wohnsiedlung speziell für Schriftsteller, Schauspieler und andere Kulturschaffende zu errichten.
Die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) und der Schutzverband deutscher Schriftsteller schlossen sich zusammen, bildeten die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft Künstlerheim – und planten unweit des Breitenbachplatzes ab 1924 eine moderne, funktionale Siedlung, die bezahlbaren, zweckmäßigen Wohnraum bereitstellen sollte. Am 30.
April 1927 legte der Schauspieler Gustav Rickert, zu dieser Zeit Vorsitzender der GDBA, den Grundstein, dessen Inschrift die schöpferische Kraft der Kunst beschwor: Aus dem Nichts schafft Ihr das Wort, und Ihr tragt’s lebendig fort, Dieses Haus ist Euch geweiht, Euch, Ihr Schöpfer uns’rer Zeit. 75 Prozent der Finanzierung trug die GDBA, des fehlende Viertel steuerte der Schutzverband bei.

Die Planung und Gestaltung übernahmen die Architekten Ernst und Günther Paulus, die das fortschrittliche Konzept der benachbarten Gartenstadt, die das Herz des Rheingauviertels darstellt, weiterführten: aufgelockerte Bebauung, breite Straßenräume, viel Licht, Luft und Grün. Mit den Prinzipien des Neuen Bauens, die als städtebaulicher Gegenentwurf zu den engen Berliner Mietskasernen entwickelt worden waren, wurde auch die Künstlerkolonie geplant, wenngleich weitaus weniger verspielt als die im englischen Landhausstil gestalteten Gebäudeensembles der Gartenstadt.
Um den als sozialen Mittelpunkt der Siedlung vorgesehenen Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz) wurden drei große Wohnblöcke gruppiert: schlichte, funktionale Bauten mit großen Fenstern und weitgehend schmucklosen Fassaden, in denen lediglich verklinkerte Eingänge und Balkone Akzente setzen. Auf eine Hinterhofbebauung verzichtete man bewusst und schuf stattdessen begrünte Innenhöfe als zusätzliche gemeinschaftliche Freiräume. Ursprünglich war ein vierter Block Richtung Breitenbachplatz geplant, der jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nicht mehr realisiert wurde.

Die Künstlerkolonie war den Nazis bereits seit ihrer Fertigstellung 1930 ein Dorn im Auge, zogen hier doch vorwiegend linke Intellektuelle und Künstler ein, die mit den Sozialdemokraten oder Kommunisten sympathisierten – ein „roter Block“ umgeben von einer konservativ und nationalsozialistisch geprägten Nachbarschaft. Provokationen und Übergriffe ließen nicht lange auf sich warten, sodass die Anwohnenden einen Selbstschutz organisierten, der als bewaffnete Eskorte den Weg vom U-Bahnhof Breitenbachplatz nach Hause absicherte. Auch in Mietfragen waren Solidarität und Gemeinschaftsgeist spürbar.
Die Weltwirtschaftskrise hatte besonders die Kulturschaffenden hart getroffen: Dreiviertel der Bewohnenden waren zeitweise ohne Einkommen, viele konnten ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, schnell war von der Künstlerkolonie als „Hungerburg“ die Rede. Um Mietsenkungen durchzusetzen, gründeten die Anwohnende Mieterräte, von der Wohnungsbaugesellschaft angestrebte Zwangsräumungen scheiterten zumeist am solidarischen Widerstand in der Siedlung. Im Februar 1933, nur wenige Tage nach Hitlers Machtantritt, führte die SA überfallartig Hausdurchsuchungen und erste Verhaftungen durch, am 15.
März fand auf dem Laubenheimer Platz die erste größere Bücherverbrennung in Berlin statt, nachdem bei einer Razzia in der Künstlerkolonie zahlreiche Bücher beschlagnahmt worden waren, die den Anschein erweckten, jüdisch, kommunistisch oder marxistisch zu sein. Die Künstlerkolonie wurde der Reichskulturkammer übertragen, deren erklärtes Ziel die staatliche Organisation und Kontrolle der Kultur war.

In den folgenden Monaten verließen zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner, darunter der Philosoph Ernst Bloch, die Schauspielerin Steffie Spira, der Schriftsteller Walter Hasenclever und der Schauspieler Ernst Busch, das Land. Andere, wie das Ehepaar Irene und Hans Meyer-Hanno, organisierten vor Ort den antifaschistischen Widerstand oder gewährten politisch verfolgten Kolleginnen und Kollegen Unterschlupf. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Künstlerkolonie weitestgehend unbeschadet überstanden hat, kehrten nicht wenige Exilanten in die Siedlung zurück.
Auf dem Gelände des nie realisierten vierten Wohnblocks entstanden nachkriegsmoderne Neubauten, die weder dem historischen Bauplan folgten, noch architektonisch eine Verbindung zu den drei ursprünglichen Bauensembles anstrebten. Die einstige Bedeutung der Künstlerkolonie geriet in Vergessenheit, ebenso die Schicksale der zahlreichen Menschen, die hier wohnten.

Erst ab den 1980er-Jahren begann die öffentliche Erinnerung: Zahlreiche Gedenktafeln wurden neben den Hauseingängen angebracht, darunter auch einige aus KPM-Porzellan, auf dem Ludwig-Barnay-Platz wurde 1988 ein Findling zum Mahnmal für die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie, 15 Jahre später verlegte man hier den ersten Stolperstein. Die Erinnerungsarbeit leistet vor allem der Verein KünstlerKolonie e. V., der ein umfassendes Archiv mit Materialien zur Siedlung angelegt hat und zahlreiche Veranstaltungen organisiert, die Kulturschaffenden gewidmet sind, die der Künstlerkolonie verbunden waren.
Über das 1990 zusammen mit der benachbarten Gartenstadt unter Denkmalschutz gestellte Wohnareal hat der Liedermacher Manfred Maurenbrecher ein äußerst vergnüglich zu lesendes, wissens- und anekdotenreiches Buch (BeBra Verlag 2016) geschrieben. Er ist in der Künstlerkolonie Wilmersdorf großgeworden und nach vielen Jahren hierher zurückgekehrt – in die Wohnung seiner Kindheit. Eine schönere Liebeserklärung an einen Ort kann man sich doch eigentlich nicht vorstellen.
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