Online-Dating? Ernsthaft? Nach dem dreiundvierzigsten Profil mit den Hobbys „Reisen, Freunde treffen und lachen“ glaube ich, die Menschheit hängt in einer Endlosschleife. Alle lieben Sonnenuntergänge. Alle wandern. Alle suchen jemanden, der ehrlich ist. Ach, was! Lieber zurück ins richtige Leben. Da gibt’s keine Filter. Da riecht jemand nach Parfüm oder nach Knoblauch. Das ist wahrhaftig ehrlich. Eine Freundin-Freundin schwört auf Supermärkte. Nicht wegen der Sonderangebote, sondern wegen der Einkaufswagen. Die erzählen mehr über einen Mann als jedes Datingprofil.
Liegen da frisches Gemüse, Gewürze und ein gutes Olivenöl drin, besteht zumindest die Hoffnung, dass er mehr beherrscht, als Wasser für Spaghetti aufzusetzen. Tierfutter verrät Katzen, Köter oder Kanarienvögel. Zwölf Dosen Ravioli und zwei Paletten Energydrinks erzählen dagegen die tragische Geschichte eines Mannes, der den Weltuntergang offenbar allein überleben möchte. Der Einkaufswagen lügt nicht. Im Gegensatz zu Profilbildern aus StudiVZ-Zeiten. Baumärkte sind Goldgruben für Kennerinnen.
Männer stehen zwanzig Minuten vor einem Regal mit Dübeln und starren ratlos, als müssten sie gleich eine Herztransplantation durchziehen. Wer einen Mann kennenlernen möchte, sollte freundlich fragen, ob er zufällig weiß, welcher Dübel für eine Altbauwand geeignet ist. Selbst wenn der Typ keine Ahnung hat, wird er alles daransetzen, als Fachmann durchzugehen. Buchhandlungen haben auch was. Das Schöne an ihnen: Niemand kann sich hinter einem Selfie verstecken. Da steht einer mit einem Krimi in der Hand und behauptet, er lese sonst nur Dostojewski.
Ein anderer blättert seit zehn Minuten in einem Kochbuch von Ottolenghi, dabei hantiert er zu Hause vermutlich mit Pfanne und Toaster. Egal. Man erfährt dort mehr über Menschen als in jeder Dating-App. Wer mit einem Stapel Bücher zur Kasse geht, verrät Interessen. Wer mit einem einzigen Lyrikband hinausgeht, eher Sehnsüchte. Und wenn zwei gleichzeitig nach demselben Buch greifen, ist das wenigstens ein besserer Anfang als: „Na, auch hier?“ Wenn schon Buchhandlungen, dann bitte auch Lesungen.
Das Publikum sitzt andächtig in der dritten Reihe und nickt an den Stellen, von denen es glaubt, sie seien tiefgründig. In der Pause Stehrummchen mit einem Glas Weißwein und alle versuchen, klug auszusehen. Das Schöne daran: Man braucht keinen originellen Anmachspruch. Es reicht völlig zu fragen: „Und, wie fanden Sie das Buch?“ Fünf Minuten später redet ihr entweder über Literatur oder darüber, dass der Autor zwar wunderbar schreibt, aber leider genauso spannend vorliest wie ein Finanzoberrat die neue Steueranordnung. Beides ist ein Gespräch.
Deutlich mehr als ein Herzchen unter einem Profilbild. Ebay-Kleinanzeigen sind eine Fundgrube für Kenner. Aber bloß nicht nach Autos suchen. Nach gebrauchten Hochzeitskleidern. „Nur einmal getragen“, ist eigentlich schon die komplette Vorgeschichte. Größe, Stil und manchmal sogar der Grund des Verkaufs liegen praktisch offen auf dem Tisch. Romantischer wird Kennenlernen im Internet vermutlich nicht mehr. Wer mutig ist, setzt sich samstags ins IKEA-Restaurant.
Dort hocken erstaunlich viele Singles mit Köttbullar vor sich und der leisen Hoffnung, dass wenigstens das Billy-Regal zu Hause einfacher aufzubauen ist als eine Beziehung. Und wenn eine Frau versucht, allein einen zwei Meter langen Kleiderschrank in einen Kleinwagen zu falten, darf man ruhig Hilfe anbieten. Entweder bedankt sie sich – oder man erlebt wenigstens eine gute Geschichte. Museen sind ebenfalls unterschätzt. Da laufen Menschen freiwillig stundenlang durch Säle und tun so, als verstünden sie moderne Kunst.
Vor einem weißen Bild mit einem schwarzen Strich stehen plötzlich acht Erwachsene und nicken bedeutungsvoll. Keiner möchte der Erste sein, der fragt, ob das genial oder der Maler mit dem Pinsel gestolpert ist. Genau da sollte man ansetzen. Ein leises „ganz ehrlich, ich sehe da nur einen schwarzen Strich“ bricht schneller das Eis als jeder einstudierte Anmachspruch. Und wenn das Gegenüber lacht, weiß man wenigstens, dass Humor vorhanden ist. Falls nicht, kann man immer noch behaupten, das sei eine Performance gewesen. Überhaupt lohnt es sich, dorthin zu gehen, wo Menschen Zeit haben.
In die Volkshochschule zum Beispiel. Niemand erzählt mir ernsthaft, dass ein Töpferkurs nur wegen der Liebe zum Ton besucht wird. Die Hälfte möchte Schalen herstellen. Die andere Hälfte hofft darauf, dass jemand fragt: „Ist das eine Vase oder moderne Kunst?“ Neulich kam mir noch eine völlig andere Idee. Vielleicht sollte ich dienstags und donnerstags einfach im Amtsgericht sitzen. Das sind angeblich oft die Scheidungstage. Andere warten am Flughafen auf ankommende Maschinen. Ich eben auf Menschen, die gerade ihre Vergangenheit offiziell abgegeben haben.
Natürlich spricht man dort niemanden an. Man ist ja kein Aasgeier. Aber statistisch betrachtet beginnt dort vermutlich mehr Zukunft, als man denkt. Ähnlich schräg ist der Rat, auf Beerdigungen neue Leute kennenzulernen. Nein, bitte nicht die frisch verwitwete Dame zwischen Kranz und Kondolenzbuch anflirten. Manche Ideen sollte man zu Ende denken, bevor man sie umsetzt. Aber spätestens dort wird einem klar, dass das Leben verdammt kurz ist.
Vielleicht genau der richtige Moment, den sympathischen Menschen, der einem nächste Woche im Café oder an der Supermarktkasse begegnet, endlich anzusprechen. Denn am Ende ist das ganze Geheimnis erschreckend einfach. Man muss das Handy aus der Hand legen und den Mund aufmachen. Die Liebe hat nämlich einen großen Nachteil: Sie besitzt bis heute keine App. Und sie hat die schlechte Angewohnheit, genau dann aufzutauchen, wenn man gerade mit einem Einkaufswagen voller Klopapier, Katzenfutter und Tiefkühlpizza an der Kasse steht. Das Leben hat eben einen ziemlich schrägen Humor.
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