Sie zählt zu den sechs Siedlungen der Berliner Moderne, die die UNESCO im Jahr 2008 zum Weltkulturerbe erklärt hat: Die Wohnstadt Carl Legien, die unmittelbar hinter dem nordöstlichen S-Bahn-Ring nur wenige Minuten vom Bahnhof Prenzlauer Allee entfernt, Ende der 1920er-Jahre nach städtebaulichen Entwürfen des Architekten Bruno Taut errichtet wurde. Sie markiert den Versuch, in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit dem Problem der städtischen Verdichtung und der damit einhergehenden Wohnungsnot in einer der größten Metropolen der Welt zu begegnen, ohne soziale Anliegen aus den Augen zu verlieren.

Bereits 1925 begann Franz Hillinger, Leiter des Entwurfsbüros der Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-AG (GEHAG) mit den Planungen einer verhältnismäßig innenstadtnah gelegenen Wohnsiedlung. Mit den Entwürfen beauftragte er den Architekten Bruno Taut, der sich mit dem Bau von Großsiedlungen wie der Gartenstadt Falkenberg und der Siedlung Schillerpark bereits einen Namen gemacht hatte. Im Vergleich zu diesen Bauprojekten sowie der zeitgleich realisierten Hufeisensiedlung in Britz stand Taut vor der Herausforderung, auf engstem Raum eine hohe Anzahl von Wohnungen unterzubringen.

Geplant waren 1700 Einheiten, dank explodierender Baukosten im Verlauf der Weltwirtschaftskrise konnten schlussendlich nur 1149 realisiert werden, davon etwa 80 Prozent als kleinere 1- bis 2-Raum-Wohnungen. Auf einer Fläche von nur 8,4 Hektar gruppierte Taut je drei u-förmige Wohnhöfe nahezu spiegelbildlich entlang der heutigen Erich-Weinert-Straße und nutzte die von der preußischen Bauordnung erlaubte maximale Höhe von fünf Geschossen vollständig aus. Reihenhäuser oder Mietergärten, wie sie in in weniger zentral gelegenen Siedlungen üblich waren, fanden keine Berücksichtigung.

Großzügige Höfe bringen Licht und Grün in die Siedlung.
Großzügige Höfe bringen Licht und Grün in die Siedlung.

Dennoch orientierte sich der Entwurf am Leitbild des Neuen Bauens, das Licht, Luft und Sonne vorsah. So öffnen sich alle Wohnräume zu großzügigen, bepflanzten Höfen, über Eck geführte Loggien an den Frontbauten lenken den Blick geschickt in die Wohnhöfe, zugleich erweitern und erhellen sie den Wohnraum, wobei sie aufgrund ihrer baulichen Tiefe ausreichend Privatsphäre bieten. Neben Balkonen oder Loggien erfüllten die Wohnungen mit einer separaten Küche und einem eigenen Bad die 1924 definierten Mindeststandards des Reformwohnungsbaus.

Um den hygienischen Komfort der Siedlung zu erhöhen, wurden in zwei Höfen halbhohe Waschhäuser mit großen Fensterflächen errichtet, die mit modernen Wasch- und Bügelmaschinen ausgestattet waren. Ein Kindergarten, eine Bibliothek sowie ein eigenes Heizkraftwerk ergänzten das Angebot und wiesen die Wohnanlage als funktional ausgerichteten städtischen Komplex aus. Die Formen der Blockbauten sind der Moderne verpflichtet und daher zeitgemäß schlicht, das prägende Element – und Tauts Markenzeichen – ist das Spiel mit den Farben.

Farbe und klare Formen prägen die Architektur.
Farbe und klare Formen prägen die Architektur.

Wenngleich straßenseitig die Fassaden cremefarben gehalten sind, ist jedem Gartenhof eine Leitfarbe zugeordnet: terracotta, hellblau und ein mattes Türkis, die in den Treppenhäusern aufgegriffen wird. Im Kontrast dazu stehen die kräftigen Grundfarben – Gelb, Rot und Blau – mit denen die Fensterrahmen, Eingangstüren und Treppengeländer akzentuiert sind. Die Finanzierung des Baus der Wohnstadt erfolgte mit Mitteln der Hauszinssteuer, einem zentralen Instrument zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik.

Sie war eine der letzten größeren GE- HAG-Siedlungen, die noch auf diese Finanzierung zurückgreifen konnten; bereits 1931 wurden die Fördergelder im Rahmen einer Notverordnung gestrichen. Somit gehört die Wohnstadt Carl Legien zu einem der letzten staatlich gestützten Reformbauprojekte, die den Berliner Wohnungsbau der 1920er-Jahre geprägt hatten. Der sozialpolitische Hintergrund der Siedlung spiegelt sich auch in ihrem Namen wider.

Carl Legien gab der Wohnstadt ihren Namen.
Carl Legien gab der Wohnstadt ihren Namen.

Sie ehrt den Sozialdemokraten Carl Legien (1861–1920), der als Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands maßgeblich für die Einführung des Achtstundentages verantwortlich war und sich darüber hinaus für die Verbesserung der Wohnverhältnisse von Arbeitern und Arbeiterfamilien einsetzte. Auch die neuangelegten Straßen in der Wohnstadt wurden 1931 nach Gewerkschaftern und Sozialdemokraten benannt. Die bereits 1904 nach Carmen Sylva, dem Pseudonym der dichtenden rumänischen Königin Elisabeth Pauline zu Wied benannte Hauptachse, behielt ihren Namen.

Auch 1933, als die Straßen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durch Kriegsschauplätze des Ersten Weltkriegs ersetzt wurden. 1952 benannte der ostberliner Magistrat diese Straßen nach den hingerichteten oder ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfern Erich Küsel, Arthur Sodtke, Wilhelm Sült und Martin Trachtenbrodt, zwei Jahre später musste Carmen Sylva dem 1953 verstorbenen antifaschistischen Schriftsteller Erich Weinert weichen.

Die markanten Balkone der Wohnstadt.
Die markanten Balkone der Wohnstadt.

Da war der vielleicht berühmteste Bewohner der Siedlung gerade weggezogen: Horst Buchholz lebte mit seiner Mutter und seinem Stiefvater von 1938 bis 1951 in der Sodtkestraße 11, sammelte in jenen Jahren erste Erfahrungen als Kinderstatist, Schauspieler und Synchronsprecher, ehe er 18-jährig ohne Schulabschluss nach Westberlin zog, um Schauspielunterricht zu nehmen.

Im Laufe der Jahrzehnte ging das von Bruno Taut vorgesehene Farbkonzept durch Instandsetzungsmaßnahmen verloren, das einheitliche Erscheinungsbild der Siedlung litt auch, weil einige Loggien zu Wintergärten umgestaltet worden waren, die Gemeinschaftsräume wichen Verwaltung und Technik. Seit 1977 steht die Wohnstadt unter Denkmalschutz, jedoch wurden die Fassaden erst Mitte der 1990er-Jahre im Zuge einer umfassenden Sanierung erneuert, sodass seitdem auch die ursprünglichen Farben wieder zur Geltung kommen. Der großformatige Schriftzug wurde zur 90-Jahr-Feier der GEHAG 2014 rekonstruiert.

Die Wohnstadt Carl Legien im Herbst.
Die Wohnstadt Carl Legien im Herbst.

Bereits 2007 hatte das umstrittene Unternehmen Deutsche Wohnen SE die GEHAG gekauft und ist seitdem Eigentümerin der Carl-Legien-Siedlung. Seit 2008 zählt die Wohnstadt als bedeutendes Beispiel für die Verbindung von sozialem Anspruch, architektonischer Stringenz und städtebaulicher Innovation zu den sechs Berliner Siedlungen der Moderne, die als UNESCO-Welterbe ausgezeichnet sind.