Minus 150 Grad. Man muss diese Zahl einen Moment wirken lassen. Von Schöneberg aus sind es nur ein paar Minuten bis zu einer der ungewöhnlicheren Adressen im Berliner Süden. Gleich hinter der Bezirksgrenze, in der Bornstraße, betreibt Dr. Eva Blömeke ihre Kältelounge. Hier gehen Menschen freiwillig in die Kälte. Nicht bei minus zehn oder zwanzig Grad, sondern bei bis zu minus 150. Drei Minuten dauert die Anwendung. In Berlin reichen schließlich schon minus fünf, damit Menschen aussehen, als hätte das Leben persönlich etwas gegen sie. Schultern hoch, Hände in den Taschen. Und nun soll man freiwillig einen Raum betreten, in dem es mehr als hundert Grad kälter ist?
„Schaffe ich das denn?“, sei eine der häufigsten Fragen, erzählt Eva. Bevor es losgeht, wird gesprochen, erklärt und nach der Gesundheit gefragt. Während der Anwendung bleibt jemand aus dem Team direkt vor der Kabine. „Danach lacht eigentlich jeder. Man denkt: Wow, jetzt – tschaka, Leben kann kommen.“
Willkommen bei minus 150 Grad. Und bei einer Frau, die für diese drei Minuten ihr eigenes Leben ziemlich gründlich verändert hat. Eva Blömeke, Jahrgang 1980, stammt aus Nordrhein-Westfalen. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften, lebt unter anderem in Kanada, Kiel, Köln und Hamburg, arbeitet als Unternehmensberaterin und später als Führungskraft im Mittelstand. Ihr Beruf führt sie durch Europa. Irgendwann will sie nach Berlin. Nicht wegen eines besseren Jobs, sondern wegen der Stadt. „Ich wollte immer mal in Berlin leben und nicht warten, bis ich 60 bin.“ Irgendwann meldet sich ihr Rücken. Ein Bandscheibenvorfall, die Schmerzen bleiben.
Eva probiert vieles aus und landet schließlich bei einem Physiotherapeuten in einer Kältekammer. „Das war eine der wenigen Therapiemöglichkeiten, die mir sehr geholfen hat, meine Schmerzthemen in den Griff zu bekommen.“ Damit hätte die Geschichte beendet sein können. Eva aber will wissen, warum. Sie liest, recherchiert und beschäftigt sich mit Kryotherapie. Gesundheit interessiert sie ohnehin; parallel zu ihrer Wirtschaftskarriere hat sie Ausbildungen in Yoga, Massage und Gesundheitsberatung absolviert. Gleichzeitig begleitet sie seit Langem der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen.
„Ich habe 200 Ideen für die Welt, wie man sie schöner machen kann, und denke, ich brauche noch zwei weitere Leben, um die alle umzusetzen.“

Ein Yogastudio sollte es nicht werden. Davon gab es genug. Die Kälte dagegen war ungewöhnlich und mit einer Erfahrung verbunden, die sie selbst gemacht hatte. 2018 nimmt Eva ein Sabbatical, verlängert es 2019 und entscheidet sich schließlich für die Selbstständigkeit. 2020 eröffnet sie ihre Kältelounge – zwei Wochen vor Corona. Man könnte schlechteres Timing vermutlich nur mit erheblicher Planung hinbekommen. Schon vorher waren ihre Eltern von der Idee, eine sichere Karriere gegen die Selbstständigkeit einzutauschen, nicht restlos begeistert. „Meine Eltern sind mehr als in Ohnmacht gefallen“, erzählt Eva lachend. Ihr Vater hätte sie am liebsten als Beamtin gesehen.
„Das war mir schon immer zu spießig.“ Und dann kam die Pandemie. Hat sie jemals gedacht, dass die ganze Sache vielleicht doch nicht funktionieren könnte? „Nein.“ Eva lacht. „Ich bin eine gnadenlose Optimistin.“ Wer zwei Wochen vor Corona ein Geschäft eröffnet und es durch die folgenden Jahre bringt, entwickelt vermutlich ohnehin ein besonderes Verhältnis zu Problemen. Heute arbeitet Eva mit einem sechsköpfigen Team. „Bei uns steht nicht die Maschine oder die Technik im Vordergrund, sondern der Mensch.“ Vor der ersten Anwendung steht deshalb ein Gesundheitsgespräch. Für die meisten ist eine Ganzkörper-Kälteanwendung geeignet, in wenigen Fällen sollte sie zunächst ärztlich abgeklärt werden.
Minus 150 Grad sind schließlich kein Wellness-Gag. Die Methode setzt den Körper für kurze Zeit einem extremen Kältereiz aus und wird unter anderem begleitend bei bestimmten rheumatischen Beschwerden und Schmerzen sowie zur sportlichen Regeneration eingesetzt. Ein Wundermittel ist sie nicht und eine notwendige ärztliche Behandlung ersetzt sie ebenfalls nicht. Eva formuliert ihren Anspruch pragmatisch: Nicht jede Diagnose lässt sich beseitigen. Manchmal geht es darum, Beschwerden zu lindern und Lebensqualität zu gewinnen. Und irgendwann steht man tatsächlich vor der Kabine. Hände und Füße werden geschützt.
Die Kälte im Inneren ist trocken und fühlt sich, erzählt Eva, anders an als ein nasskalter Berliner Januartag. „Es ist eher ein erfrischendes und belebendes Gefühl.“ Nun ja: Minus 150 Grad als „erfrischend“ zu bezeichnen, setzt eine gewisse Begeisterungsfähigkeit voraus. Während der drei Minuten bleibt das Team vor der Kabine und im Gespräch. Irgendwann kommt die erlösende Ansage: nur noch 30 Sekunden. Danach beschreibt Eva Prickeln auf der Haut, Wachheit und Energie. Manche kommen sogar in der Mittagspause und kehren anschließend an den Schreibtisch zurück. Kälte statt Espresso.

Die Gründe für einen Besuch sind unterschiedlich: Schmerzen und entzündliche Beschwerden, sportliche Regeneration, Energiemangel oder die persönliche Gesundheitsroutine. Doch ein schneller Durchlauf – umziehen, hinein, hinaus, nächster Termin – ist nicht Evas Konzept. Alle Stammkunden kennt das Team mit Namen. Es wird zugehört und nachgefragt. Einer von ihnen ist Mitte 80, früher Unternehmer, sportlich, engagiert und voller Geschichten. „Der ist krass daran interessiert, sein Leben gut zu erhalten. Das finde ich bewundernswert.“ Besonders bewegen Eva Menschen, die ihr erzählen, dass sie nach langen Leidenswegen wieder mehr unternehmen oder sich besser bewegen können. „Das berührt mich total.“
Wenn Eva über ihre frühere Karriere spricht, klingt nichts nach Abrechnung. Die Jobs waren gut, sie war erfolgreich. Aber
etwas fehlte. „Es hat nie mein Herz berührt.“ Das ist heute anders. „Wenn Menschen rausgehen und es ihnen durch meine Tätigkeit oder die meines Teams besser geht, dann habe ich alles erfüllt. Was soll ich sonst noch im Leben machen?“ Eine Kette aus ihrer Kältelounge möchte sie nicht machen. Eher könnte sie sich irgendwann einen größeren Ort für Gesundheit und Wohlbefinden vorstellen. Und weil jemand, der beruflich mit minus 150 Grad zu tun hat, offenbar ein anderes Verhältnis zum Begriff kalt entwickelt, steht das nächste Projekt schon an: Eva lässt sich zum Ice-Coach ausbilden und möchte künftig Menschen beim Eisbaden begleiten.
Ihr Team weiß bereits, wer als erste Trainingsgruppe vorgesehen ist. Vielleicht steckt darin ziemlich viel von Eva Blömekes Lebensphilosophie. Man kann lange vor einer Tür stehen und überlegen, ob man sich wirklich hineintraut. Oder man öffnet sie und probiert es aus. Nach diesem Gespräch bleibt jedenfalls ein Gedanke hängen: Eigentlich müsste man das wirklich einmal ausprobieren.
← Zurück zur Ausgabe