Der merkwürdige Geruch von Cannabis, Döner und Curry legt sich im Sommer über die Stadt. Und überall spielt die Musik. Berlin verwandelt sich in der warmen Jahreszeit in einen Spielplatz für Heranwachsende, einen Kletterwald für die pubertierende Jugend. Was machen die Schulklassen Europas, wenn die Schule für die Sommerferien schließt? Richtig! Sie fahren nach Berlin und schlendern durch die Straßen auf der Suche nach Spaß. Die heutige Jugend von Welt informiert sich nicht durch die konventionelle Presse, liest keine Zeitungen und kauft sich keine Reiseführer.

Das kenne ich von meinen Kindern, egal ob es um Sport, Politik oder Urlaub geht, sie misstrauen den Erwachsenen und wollen die Meinung der Gleichaltrigen hören, sie informieren sich in Gruppenchats, auf Twitter und Instagram. Dort haben sie wahrscheinlich gelesen, Berlin sei die Partyhauptstadt Europas.

Hier spielen jeden Abend und in jeder Kneipe ein Dutzend „Hundertausende“ und ein paar „Millionen“. (Die Musiker werden heute nicht nach verkauften Platten, sondern nach der Anzahl der Klicks bewertet.) Und Berlin muss gar nichts dafür tun, um seinen Ruf als Partystadt zu verteidigen, denn die Feierei entsteht automatisch dort, wo die Schulklassen, Spaßtouristen und Streetrapper aufeinandertreffen. Sie müssen nicht zur Arbeit, sie sind von den alltäglichen Sorgen im Urlaub befreit, also feiern sie überall, wo sie sind.

Zum Glück ist Berlin flächenmäßig die größte Stadt Europas, hier können riesige Events unbemerkt stattfinden und wieder verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Man muss an dem Spaßprogramm der Hauptstadt nicht teilnehmen, wenn man keine Lust auf Party hat. An einem Tag können hier die Loveparade Rave the Planet, ein Dutzend Konzerte und Demos stattfinden, man kriegt nichts mit, wenn man nicht will. Eine Viertel Million Raver zogen im Sommer durch die Stadt, ich habe keinen einzigen gesehen.

Am gleichen Tag fand auch ein KISS-Konzert in der Halle am Mauerpark statt, direkt vor meinem Haus, Depeche Mode spielte im Olympiastadion und der Rapper Cro rappte in Wuhlheide. Nichts davon habe ich mitbekommen, keinen einzigen Raver gesehen bzw. gerochen. Vor dem Späti an der Ecke saßen merkwürdig angemalte Rentner in gestickten Lederjacken trotz großer Hitze, das könnten die KISS-Fans sein, die Band ist nach meiner Berechnung ungefähr so jung wie Heino. Mein Sohn sagte mir jedoch, die Rentner in Lederjacken würden schon seit Jahren vor diesem Späti sitzen und hätten mit dem Konzert nichts zu tun.

In Berlin kann selbst eine blaue Ente unauffällig bleiben.
In Berlin kann selbst eine blaue Ente unauffällig bleiben.

Jedes Mal, wenn ich von meinen Reisen nach Berlin zurückkomme, staune ich nicht schlecht, wie schnell sich die Landschaft ändert, „eine Stadt in Bewegung“ heißt hier in erster Linie, dass alle Menschen wie Touristen aussehen, sie tragen Rucksäcke, Koffer oder sie sind auf Fahrradtour, sie bleiben länger an den Kreuzungen stehen, als wüssten sie nicht, wo sie eigentlich hinwollen, fragen aber nie nach dem Weg. Andere werden mit großen Reisebussen hierhergefahren und quasi direkt vor meiner Haustür abgesetzt.

Sie gehen in Gruppen durch den Mauerpark, spazieren und starren dort andere Touristen an, von denen sie glauben, es seien echte Berliner. Mich starren sie ebenfalls an, als wäre ich ein seltener Vogel, eine blaue Ente. Vielleicht haben sie meine Bücher gelesen, vielleicht ist es nur Paranoia. Überall in der Stadt höre ich die russische Sprache. Entweder sind es Geflüchtete aus der Ostukraine, die sich in ihrer Freizeit nicht verpflichtet fühlen, Ukrainisch zu sprechen, oder Russen, die zwar hier nicht offiziell als „geflüchtet“ anerkannt werden, aber aus ihrer Heimat wegmussten.

Hunderttausende sollen sich inzwischen in Deutschland aufhalten, sie benehmen sich diskret, wollen nicht auffallen, immerhin führt ihre Heimat, nach Behauptung des dortigen Regimes, „einen Krieg gegen Europa“. Doch dafür ist Berlin bekannt, hier fällt niemand auf. Man kann allein auf unserer Straße die ganze Welt kennenlernen: Vietnamesen, Mongolen, Türken, Kroaten, Syrer, Amerikaner, Schwaben … Hier prallen Kulturen und Lebensarten aufeinander, die sonst Tausende Kilometer voneinander entfernt sind.

Menschen lernen sich kennen, neue Bündnisse entstehen, die Vertreter verschiedener Völker kommen miteinander ins Gespräch. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.