Der Sportpalast in Schöneberg war Eisbahn, Rennstrecke, Konzertsaal und politische Bühne Architekturmuseum der TU Berlin, Inv.-Nr. F 13610 / Hermann Dernburg Text und Fotos: mein Kiez Wer heute an der Potsdamer Straße 172 steht, muss sich den Lärm dazudenken. Das Rattern der Rennräder, die Rufe der Boxfans, kreischende Jugendliche, Musik und politische Parolen. Wo sich heute das Pallasseum über die Pallasstraße spannt, stand mehr als sechs Jahrzehnte lang der Berliner Sportpalast. In dieser Halle jubelte, pfiff, tanzte und tobte die Stadt. Sie erlebte große Sportmomente und legendäre Konzerte – aber auch einen der dunkelsten Auftritte der deutschen Geschichte. Als der Sportpalast am 17. November 1910 eröffnet wurde, war er eine technische Sensation. Der Architekt Hermann Dernburg hatte eine riesige Halle ohne störende Säulen geschaffen.
Mehr als 10 000 Menschen fanden Platz, Tausende Lampen tauchten den Raum in Licht. Das Prunkstück war eine 2400 Quadratmeter große Kunsteisbahn, damals die größte überdachte Anlage ihrer Art. Berlin besaß plötzlich einen Palast für das moderne Massenvergnügen – mitten in Schöneberg. Zur Eröffnung dirigierte Richard Strauss Beethovens Neunte. Das klang feierlich, verlief aber nicht ganz würdevoll: Weil das Podium mitten auf der Eisfläche stand, sollen Musiker auf dem Weg dorthin ausgerutscht sein. Die kleine Panne passte zu einem Haus, in dem Erhabenes und Handfestes fortan dicht beieinanderlagen. Spaarnestad Photo, SFA003001515 Schon bald entdeckten die Berlinerinnen und Berliner die Halle für sich. Eishockey und Eisschnelllauf wurden zu Publikumsmagneten. 1919 warb der Sportpalast sogar damit, das größte Kino der Welt zu sein. 1923 fand hier das weltweit erste Hallenreitturnier statt.
Fast alles ließ sich in diesen Raum bauen. Seinen unverwechselbaren Ton bekam der Sportpalast durch das Sechstagerennen. Ab 1911 rasten Fahrer Tag und Nacht über die steile Holzbahn. Oben unter dem Dach lagen die billigen Plätze, der Heuboden. Dort saßen die lautesten und schlagfertigsten Zuschauenden. Unten in den Logen traf sich die bessere Gesellschaft, während in der Bahnmitte gedrängt gestanden wurde. Der Sportpalast war ein Querschnitt durch Berlin – nur dass alle dieselbe Kurve sahen. Zu den Originalen auf dem Heuboden gehörte Reinhold Habisch, genannt Krücke. Wegen einer Behinderung konnte er selbst kein Rennfahrer werden, dafür wurde sein Pfiff berühmt. Wenn das Orchester den Walzer Wiener Praterleben spielte, pfiff Habisch die markante Tonfolge mit. Bald tat es die ganze Halle.

Aus dem Stück wurde der Sportpalastwalzer – eine Melodie, die untrennbar mit dem Berliner Sechstagerennen verbunden blieb. In den Zwanzigerjahren wurde auch Boxen zum großen Geschäft. Wenn Max Schmeling in den Ring stieg, war die Halle voll. Im Januar 1928 schlug er den italienischen Meister Michele Bonaglia bereits in der ersten Runde k. o. Auf den Rängen saßen nicht nur Sportfans, sondern auch Künstler und Schauspieler. Hans Albers, Bertolt Brecht, Richard Tauber und andere bekannte Namen gehörten zeitweise zum Publikum. Im Sportpalast ging es nie nur um den Wettkampf. Es ging auch darum, dabei zu sein. Doch dieselbe Architektur, die Sportbegeisterung in ein gewaltiges Gemeinschaftsgefühl verwandelte, eignete sich ebenso für politische Inszenierungen. In der Weimarer Republik mieteten Parteien unterschiedlichster Richtung die Halle.
Heinrich Brüning sprach hier, Ernst Thälmann, Adolf Hitler und Joseph Goebbels. Fahnen, Sprechchöre, Licht und die dicht gedrängte Menge machten den Sportpalast zu einer mächtigen Verstärkungsanlage für Gefühle. Nach 1933 verschwand die politische Vielfalt. Die Nationalsozialisten nutzten die Halle für ihre Propaganda. Der Name Sportpalast steht deshalb bis heute vor allem für den 18. Februar 1943. Wenige Wochen nach der deutschen Nieder- Harald-Reportagen / CC BY-SA 3.0 lage von Stalingrad fragte Joseph Goebbels ein sorgfältig ausgewähltes Publikum, ob es den „totalen Krieg“ wolle. Die inszenierten Jubelrufe wurden über den Rundfunk verbreitet. Ein Ort, an dem Menschen zuvor ihre Sporthelden gefeiert hatten, wurde zur Bühne für die weitere Radikalisierung eines verbrecherischen Krieges.
Dieses Ereignis darf nicht alles andere verdecken – aber es lässt sich nicht von der Geschichte des Hauses trennen. Größe, Akustik und die Nähe zwischen Redner und Publikum machten den Sportpalast zu einem idealen Raum für Massenwirkung. Am 30. Januar 1944 trafen Bomben den Sportpalast schwer. Große Teile wurden zerstört, das Dach fehlte. Trotzdem ging es weiter. Im Winter 1944/45 fanden in der Ruine noch Eislaufvorführungen unter freiem Himmel statt. Nach Kriegsende wurde die Halle in vereinfachter Form wiederaufgebaut. Das große Foyer und viel vom alten Glanz kamen nicht zurück. Aber für viele Schöneberger war entscheidend: Der Sportpalast lebte. Mit einem neuen Dach begann 1953 die nächste große Zeit. Nun wurde die Halle zur Konzertarena Westberlins.

Jazzstars wie Louis Armstrong, Duke Ellington, Count Basie, Benny Goodman und später Ella Fitzgerald traten an der Potsdamer Straße auf. Auch die Berliner Philharmoniker, Chöre und Operetten waren zu Gast. Besonders laut wurde es am 26. Oktober 1958. Bill Haley und seine Comets brachten den Rock ’n’ Roll in den Sportpalast. Jugendliche tanzten, schrien und drängten nach vorn; Stühle gingen zu Bruch, es kam zu Auseinandersetzungen. Zeitungen sprachen empört über Krawall. Für viele junge Menschen war der Abend dagegen ein Ausbruch aus der Enge der Nachkriegsjahre. Der Sportpalast war wieder das, was er am besten konnte: ein Ort, an dem aufgestaute Energie mit voller Wucht herauskam. In den Sechzigerjahren folgten die Beach Boys und Frank Zappa. Ella Fitzgeralds Konzert von 1962 galt lange als verloren.
Die 2020 veröffentlichte Aufnahme bewahrt die Atmosphäre einer Halle, die längst verschwunden ist. Gute Weine seit 40 Jahren Immer wieder neu. Willmanndamm 18, Berlin-Schöneberg Tel 030 788 12 00 weinhandlung@autos-weine.de Montag - Freitag 11 - 19 h, Samstag 10 - 16 h Bundesarchiv, Bild 102-05290 / Georg Pahl Denn trotz aller Erinnerungen war der Sportpalast am Ende wirtschaftlich kaum noch zu halten. Die technische Ausstattung war veraltet, moderne Hallen machten Konkurrenz. Nach dem Tod des langjährigen Betreibers Georg Kraeft wurde das Grundstück verkauft. Am 13. November 1973 begann der Abriss – auf den Tag genau 63 Jahre nach der Eröffnung. Eine der berühmtesten Hallen Berlins verschwand aus dem Stadtbild. An ihrer Stelle entstand von 1975 bis 1977 eine große Wohnanlage mit mehr als 500 Wohnungen: das Pallasseum. Im Berliner Sprachgebrauch wurde daraus schnell der Sozialpalast.

Der Spitzname erinnert an den Vorgänger, obwohl beide Gebäude kaum unterschiedlicher aussehen könnten. Eine Gedenktafel an der Potsdamer Straße hält die Geschichte des Ortes fest. Heute fahren Autos unter dem Wohnriegel hindurch, Menschen gehen einkaufen, Kinder spielen in den Höfen. Vom Sportpalast ist nichts mehr zu sehen. Und doch gehört er zu Schöneberg wie der Winterfeldtplatz oder das Rathaus. Kaum ein anderes Gebäude spiegelte die Brüche des 20. Jahrhunderts so deutlich: Kaiserzeit und Massenkultur, Weimarer Lebenslust, Krieg, Westberliner Freiheit und schließlich die nüchterne Stadtplanung der Siebzigerjahre. Beim Namen Sportpalast denken heute allerdings fast alle zuerst an die NS-Zeit und an Goebbels’ berüchtigte Rede vom „totalen Krieg“. Das ist verständlich: Sie steht für das grausamste Kapitel in der Geschichte dieses Hauses und für die schrecklichste Zeit Deutschlands.
Doch der Sportpalast war über sechs Jahrzehnte auch der Ort, an dem Berlin Sporthelden feierte, zu Jazz und Rock ’n’ Roll ausflippte und immer wieder außer Rand und Band geriet. Das Gebäude ist verschwunden. Seine ganze Geschichte aber gehört bis heute zu Schöneberg – mit ihrem Jubel und ihrem Schrecken. ■
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