Lakritz spaltet – und genau darin liegt sein Reiz. Sönke Baumeister hat daraus ein Geschäft gemacht. In Wilmersdorf betreibt er seit 15 Jahren einen Laden, der zeigt, wie vielfältig, überraschend und ernsthaft dieses „schwarze Gold“ sein kann. Vor dem Lakritzstand am Winterfeldtplatz bildet sich eine Schlange. Sie bleibt auch bei Nieselregen stehen. Und das alles für Lakritz: schwarz, klebrig, manchmal salzig bis zur Schmerzgrenze. Für die einen ist es absoluter Graus, für die anderen purer Genuss. Sönke Baumeister kommt aus Schleswig-Holstein, aus der Nähe von Neumünster. Dort gehört Lakritz einfach dazu.
In Berlin dagegen war gutes Lakritz lange Mangelware. Irgendwann stand er selbst in dieser Schlange und stellte sich die einfache Frage, die ihn nicht mehr losließ: „Warum gibt es eigentlich keinen Laden dafür?“

Ein norddeutscher Lebenslauf führt zum Lakritzladen
Sönke Baumeister wuchs dörflich auf, mit viel Platz. Er machte Abitur, studierte Volkswirtschaft in Hamburg, verbrachte Zeit in England, später in Marburg. Zahlen, Märkte, Zusammenhänge – er schaffte sich ein solides Fundament. Für einen Verlagsjob ging er nach Berlin, arbeitete im Vertrieb und gewann internationale Kontakte.

Sein Berufsleben funktionierte, es hatte bloß nichts mit Lakritz zu tun. Später machte er sich selbstständig und handelte mit Medien – zunächst mit Büchern, dann mit DVDs. Als das nicht mehr lief, musste er sich etwas anderes überlegen. Der Gedanke an den Einzelhandel war zu dem Zeitpunkt schon länger da. Denn direkter Kontakt und das anfassbare Produkt interessierten ihn. In der Schlange vor dem Lakritzstand, traf ihn schließlich die Erkenntnis. Die Idee blieb zunächst im Hinterkopf hängen und drängte sich dann mehr und mehr in den Vordergrund. Sönke Baumeister begann zu recherchieren.
Er suchte Produzenten, schrieb E-Mails und klickte sich durchs Internet. „Oft habe ich gar keine Antwort bekommen. Die haben nicht reagiert oder waren nicht interessiert“, erzählt er. Also schlug er einen anderen Weg ein: Über Kontakte, Empfehlungen und Umwege fand er heraus, wie die Branche funktioniert, nämlich über Großhändler und Netzwerke. 2011 war es schließlich so weit: Sönke Baumeister eröffnete seinen Laden. Zu Beginn gab es vielleicht 100 Sorten, inzwischen hat er mehr als 300 Sorten im Sortiment. Auch der Onlineshop spielt eine wesentliche Rolle.

Die Welt des Lakritz
Was zunächst nach einer Nische klingt, entpuppt sich als eigene Welt. In seinem Geschäft gibt es Lakritz in allen Varianten: mild, süß, salzig, salmiakig, mit Schokolade, mit Karamell, als Likör, als Honig, sogar als Marmelade. Lakritz wird aus dem Saft der Süßholzwurzel gewonnen – einer Pflanze, die vor allem in Südeuropa und Asien wächst. Schon in der Antike wurde Süßholz geschätzt, zunächst als Heilmittel, später zum Genuss. Der Saft der Süßholzwurzel gibt dem Lakritz seinen typischen Geschmack. Wie intensiv dieser ist, hängt stark von der Qualität ab.

„Da wird oft gespart“, sagt Sönke Baumeister, „gerade bei industrieller Ware.“ Heute ist Lakritz vor allem in Nordeuropa verbreitet. In Ländern wie Dänemark, Finnland oder den Niederlanden gehört er ganz selbstverständlich zum Alltag – oft deutlich kräftiger und salziger als die Varianten, die man hierzulande kennt. Der Unterschied liegt im Detail: Hochwertiges Lakritz enthält mehr Süßholzextrakt und weniger Zusatzstoffe. Das sorgt für einen intensiveren Geschmack – von mild-süß bis stark salzig. Die Kundschaft spiegelt die Vielfalt der Lakritzwelt wider: Da sind die, die etwas Mildes suchen.
Und die, die direkt nach „richtig starkem Zeug“ fragen. Sönke Baumeister erklärt, zeigt, lässt probieren. Und manchmal sieht er, wie sich Geschmäcker verändern. Im Laden bekommt man eine Zange und eine Tüte – und dann kann man munter in den verschiedenen Gläsern nach den persönlichen Lakritzvorlieben fischen. Am Ende ist die Tüte meistens voller als geplant. „Oft kommt das Dreifache raus“, lacht Sönke Baumeister. Ein Teil des Sortiments ist bewusst offengehalten: Karamell, Fudge, Weingummi – für die, die sich erst herantasten oder einfach mitkommen. „Das bewährt sich“, sagt der Inhaber.

Denn oft kommen die Besuchenden zu zweit.
Schwarzes Gold für Wilmersdorf

Der Laden passt nach Wilmersdorf: Er ist ein bisschen unaufgeregt, ein bisschen eigen und ziemlich beständig. Der Kiez ist eher leise; hier wird nicht jeder Trend sofort gefeiert. Dinge setzen sich langsamer durch, vielleicht auch bewusster. Die Menschen kommen gezielt, weil sie dort finden, was sie suchen.
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