Leserbriefe · Februar / März 2026
Vorurteile – und eine helfende Hand
Eine Leserin erzählt von einer unerwarteten Begegnung am Bahnhof Julius-Leber-Brücke, die sie tief bewegt hat.
Wir lieben den Dialog mit euch!
Schreibt uns, wenn ihr etwas zu einer Ausgabe auf dem Herzen habt.
redaktion@mein-kiez.de · mein/4, Schönhauser Allee 52, 10437 Berlin
Was mir heute auf dem Rückweg vom Krankenhausbesuch bei meinem Mann passiert ist, muss ich unbedingt loswerden, teilen oder was auch immer.
Mein Mann liegt zur Zeit im Hubertuskrankenhaus. Für mich, da ich etwas gehbehindert bin, nicht so ganz leicht zu erreichen. Die Strecke vom S-Bahnhof Schlachtensee die Breisgauerstraße entlang kommt mir sehr, sehr lang vor. Wenn es möglich ist, nehme ich für die Strecke gerne das Fahrrad.
Immer die Hoffnung: Hoffentlich funktionieren die Fahrstühle, das ist ja immer Glückssache. Wieder zurück an der Julius-Leber-Brücke wollte ich gerade in den Fahrstuhl einsteigen. Ein Mann, für mich nicht gerade vertrauenerweckend aussehend, ziemlich runtergekommen, will auch rein, winkt dann aber, als ich mich umdrehe, ab. Zugegebenermaßen war ich auch etwas erleichtert. Und dann geht dieser Fahrstuhl doch einfach nicht!
Ich bin doch schon fast zu Hause! Ich schiebe mein Rad wieder aus dem Fahrstuhl, schaue mich hilfesuchend um, da kommt „dieser Mann“ und fragt mich, ob er mir helfen dürfe – aber nur, wenn ich das wolle. Ich war so froh. Natürlich wollte ich das. Er klemmte sich das Rad unter den Arm und trug es nach oben, während ich mich am Geländer hochhangeln konnte.
Unendlich dankbar fragte ich, wie ich mich erkenntlich zeigen könne. Für ihn sei es Dank genug, dass ich mir von so einem wie ihm helfen lassen würde. Seine Mutter habe ihm beigebracht: Wenn eine Frau Hilfe braucht, dann hilf ihr.
Ich schob mein Rad nach Hause und war so erschüttert, dass ich den ganzen Weg nur heulen konnte. Verdammt mit meinen Vorurteilen! Ich hoffe, ich habe daraus gelernt und vielleicht gibt meine Geschichte auch den Menschen zu denken, die sie lesen.
Viele Grüße von Gaby Gerhard
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