Im Herbst fallen die Kastanien. Das ist ihre Bestimmung. Sie warten nicht auf den richtigen Augenblick. Sie warten überhaupt nicht. Eines Tages lösen sie sich vom Baum und liegen auf dem Weg. Wie im Schlosspark Charlottenburg am Rand der Spree. Diese hier ist besonders schön. Die Schale ist aufgeplatzt. Nicht ein bisschen. Richtig. Sie zeigt ihren Inhalt. Eine glänzende, rotbraune Kastanie, eingefasst von grünen Stacheln. Wie ein kleiner Körper, der sich gegen die Welt entschieden hat und trotzdem gut aussieht. Vorsichtig hebe ich sie auf. Der Herbst hat Stacheln. Eine Frau kommt mir entgegen. Sie trägt einen roten Schal. Er schimmert in ihrem Haar, zerzaust vom Wind. Sie bleibt stehen und sieht auf meine Hand. „Ist die echt?“ „Wenn Sie wollen“, sage ich. „Vielleicht auch eine Attrappe.“ Jetzt lächelt sie.
Auf meiner ausgestreckten Hand glänzt die Kastanie in ihrer grünen Stachelrüstung. Sie nimmt sie vorsichtig zwischen zwei Finger. „Die sticht.“ „Nur die Unachtsamen“, sage ich. Sie betrachtet die Kastanie in ihrem aufgeplatzten Kleid. „Sie wissen einiges über Kastanien?“ Meine Schultern zucken. „Überraschen Sie mich“, sagt sie und schüttelt ihren Kopf, um ihren Haaren im Wind die richtige Richtung zu geben. Nicht ganz ungefährlich. Ich erzähle trotzdem. Mit Dozententimbre. „Rosskastanie die eine, Esskastanie die andere. Die hier“, sage ich und zeige auf die im herbstlichen Ledergrün in ihrer Hand, „ist die mit dem Pferd im Namen. Weil sie früher Pferdefutter waren. Warum die Gäule sie vertragen haben, weiß ich nicht. Eigentlich sind sie nicht essbar.“ Mit Schwung kreise ich einmal um mich selbst, als suchte ich etwas. „Dafür die Esskastanien. Klar, wie der Name sagt.
Genau genommen keine Kastanien. Verwandt mit Buche und Eiche. Liegen hier allerdings nicht rum.“ Aber Rosskastanien, die glänzen und manchmal verlocken sie Kinder zu Basteleien ohne Handy. Männchen mit und ohne Stachelschalen als Mütze oder Haare. Vater, Mutter, Kind. Manche basteln nur Tiere daraus. Hunde, Kühe, Giraffen. „Macht das überhaupt noch jemand?“, überlege ich laut. „Ich schon“, sagt die Windsbraut und streicht sich vergeblich durchs Haar. Stattdessen fängt sie meinen Blick. „Ich bin Erzieherin. In meiner Kita basteln wir Kastanienfiguren.“ Sie dreht die Kastanie in der Hand. Ein kleiner grüner Igel liegt da zwischen ihren Fingern. Früher waren es Streichhölzer. Beine, Arme, Ohren. Ein paar Kastanien, ein paar Zahnstocher, und schon hatte die Welt wieder Tiere. „Igel waren die besten“, sagt sie. Wir stehen da und sehen auf die Kastanie. Braun. Rund. Stachelig.

Irgendetwas daran erinnert mich plötzlich an eine kalte Platte bei einer Geburtstagsfeier. Mettigel. Zwiebeln. Zahnstocher. Käsewürfel. Oliven als Augen, bei Gastgebern mit Designerehrgeiz. Sie rollt behutsam die Kastanie im Stachelkleid und kann offenbar Gedanken lesen. „Eigentlich fehlt nur das Mett.“ Sie sieht mich an. „Mettkastanie. Frisch aus dem Schlosspark.“ Ich lache, sie bändigt ihr Haar immer noch nicht und will mir die Kastanie zurückgeben. „Es ist Ihre“, sage ich. „Für das neue Bild in meinem Kopf.“ „Danke“, sagt sie. „Dafür lade ich Sie auf ein Mettbrötchen ein.“ Die Wilmersdorfer ist nicht weit. Wir ducken uns unter dem Herbstwind. Neben uns knallt eine Kastanie auf den Weg. Sollen auch Glücksbringer sein, diese fliegenden Früchte. ■
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