Ich liebe Weihnachten! Besser gesagt: I love Christmas shows. Wie jedes amerikanische Kind der sechziger Jahre bin ich mit einer jährlichen Überdosis extravaganter, glamouröser TV-Specials aufgewachsen.
Entertainer wie Judy Garland, Perry Como, Andy Williams oder Sonny & Cher luden uns zu sich nach Hause in ihre festlich dekorierten Fernsehstudio-Wohnzimmer ein, wo sie mit Orchester, Fernsehballett, Kinderchor und ihren eigenen Familien the most wonderful time of the year zelebrierten. (Okay – die meisten Stars waren drogenabhängig oder Alkoholiker, frisch geschieden oder gerade aus dem Gefängnis entlassen, aber es war trotzdem schön.) Es wurde gesungen und getanzt, und es gab schicke Kostüme und viel Bühnenschnee – es war zauberhaft.
Das alles allerdings nach Deutschland zu importieren wird sehr kompliziert, denn es gibt wahnsinnig viele Unterschiede zwischen unseren Christmas-Kulturen. Ihr habt Schuhe vor der Tür, we have Strumpfe am Kamin. Bei uns gibt es rotnasige Rentiere, bei euch rotnasige Rentner. Der Weihnachtsmann allein ist schon verwirrend genug. In Deutschland kommt der Nikolaus am 6. Dezember, in Amerika kommt Santa Claus am 25. Dezember. In Deutschland ist er dünn mit Stab, in Amiland, dank einer Coca-Cola-Werbekampagne von 1931, dick mit Schlitten. Schon als Kind war ich ein bisschen verwirrt, wenn ich an Santa Claus dachte.
Es gibt das Lied Santa Claus Is Coming To Town mit den berühmten Zeilen „He sees you when you’re sleeping, he knows when you’re awake …” Er sieht dich, wenn du schläfst, er weiß, wann du wach bist! Als Kleinkind machte mich das total paranoid, und ich verbrachte lange Wochen in vorweihnachtlicher Panik! ER SIEHT DICH, WENN DU SCHLÄFST, ER WEISS, WANN DU WACH BIST!!! Santa war nicht mehr ein netter kuscheliger Opa, er war plötzlich Dick Cheney! Böse und übermächtig und IMMER DA!
Nacht für Nacht wälzte ich mich stundenlang in meinem Kinderbett hin und her: Terror, Horror, Panik – was hatte ich heute schon wieder falsch gemacht? Hatte Santa es gesehen? Was war schlimmer: dass ich mein Spielzeug nicht aufgeräumt hatte oder dass ich meinen Hund Igor während des Essens unter dem Tisch mit meinen grünen Bohnen gefüttert hatte? Ich fühlte mich ähnlich wie bei meiner ersten Beichte in Saint Colman’s, unserer katholischen Kirche, als ich mir im absolut unschuldigen Alter von acht Jahren unzweifelhaft skandalöse Sünden ausdachte („Äh ... ich habe einmal auf die Straße gespuckt?”).
Ich fing an, ein kompliziertes Verhandlungssystem zu erfinden. Als amerikanisches Kind bin ich im Schatten von Nixon, Vietnam und Watergate aufgewachsen. Vielleicht war Santa auch käuflich, vielleicht könnte ich einen Deal mit ihm machen, eine Art festliche Bestechung. Ich würde versuchen, ihn mit Süßigkeiten zu korrumpieren, und alle Sünden würden mir vergeben!
Wie jedes amerikanisches Kind war ich bereits von Halloween an, also seit Ende Oktober, jede Nacht wach und santabereit, weil ich wusste, dass ganz, ganz bald Santa in seinem Schlitten auf unserem Dach landen würde und einen riesigen Sack voller toller Geschenke für mich hätte. Geschenke, die ich mir Monate vorher sorgfältig ausgedacht und auf einer langen, ausführlichen Wunschliste notiert hatte, mit sehr genauen Anmerkungen zu Größe, Farbe und Anzahl. Diese Liste hatte ich selbst zu Santa geschickt – mit der megaspezifischen Adresse „Santa Claus, North Pole”.
Bescherung war serious business, und ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Bei der Bescherung gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen unseren Weihnachtskulturen. In Deutschland passiert alles am Heiligen Abend, festlich und prächtig und überschmückt – ein Familienfest für Feinschmecker. Der Baum wird präsentiert, die Blockflöte wird gespielt, es ist besinnlich. Bei uns geht es ein bisschen robuster zu: Es beginnt am ersten Weihnachtsfeiertag, dem 25. Dezember – morgens. Denn jedes Kind in den USA ist schon um halb vier Uhr hellwach und schreit verzweifelt die Eltern an: „Wake up! Wake up!
Santa was here!“, und jedes übermüdete Elternpaar stöhnt, noch halb im Tiefschlaf, mit einer Stimmlage irgendwo zwischen Tom Waits und dem Krümelmonster: „Santa’s late. Santa called. Santa said go back to bed.“ Ich lag sowieso die ganze Nacht wach und lauschte nach dem Hufgetrappel von Santas fliegenden Rentieren auf dem Dach, in der Hoffnung Santa endlich einmal persönlich kennenzulernen und ihn begrüßen zu können („Merry Christmas, Santa! I love your work! By the way, ich habe da ein paar Sachen auf meiner Liste vergessen!
Ich weiß, es ist spät, aber ...“) Ich war doppelt müde, weil ich am Abend vorher versucht hatte, einen Begrüßungssnack für Santa vorzubereiten, eine Erfrischung für ihn und seine Rentiere auf ihrer anstrengenden Weltreise.
Ich habe ihm jedes Jahr chocolate chip cookies und ein kaltes Glas Milch hingestellt, bis ich irgendwann auf dem leeren Teller in der Küche einen kleinen Zettel von Santa fand – interessanterweise in einer Schrift, die der meines Vaters täuschend ähnlichsah: „Danke für die Cookies, doch nächstes Jahr hätte ich lieber ein Thunfisch-Sandwich und ein kaltes Bier.“ Ich habe bis heute, soviel ich weiß, Santa nie persönlich kennengelernt, aber ich habe realisiert, was für ein Meisterwerk Santa Claus Is Coming To Town wirklich ist. 1934 von J.
Fred Coots und Haven Gillespie in nur einer Viertelstunde in der New Yorker U-Bahn geschrieben, ist es ein Plädoyer für gutes Benehmen und eine Warnung für alle kurz vor den Winterferien durchdrehenden Knirpse. Ich höre gern Bruce Springsteens Liveaufnahme des Liedes von 1984, wenn ich ein starkes Mittel gegen Shoppingstress, Kapitalismusrausch und Feiertagswahnsinn brauche.
← Zurück zur Ausgabe