Prunkvolle evangelische Kirchen in Berlin zu bauen, veranlassten die deutschen Kaiser und preußischen Könige, 38 allein zwischen 1884 und 1908. Das Bauprogramm der katholischen Diaspora war kleiner. An Glanz mangelte es auch ihren Kirchen nicht. Eine Preziose steht in der Fehrbelliner Straße in Berlin-Prenzlauer Berg: die am 25. Oktober 1898 geweihte Herz-Jesu-Kirche mit Pfarrei, Hospiz und der Theresienschule, einem Lyzeum der Schwestern Unserer Lieben Frau. Am 21. April 1945, kurz nach ein Uhr nachts, drohte dem schönen Bauwerk das Ende. Eine Zehn-Zentner-Bombe stürzte durchs Dach vor den Josephsaltar – und kippte zur Seite. Ein Blindgänger, dem Himmel sei Dank. Tausend Menschen in Keller und Krypta, im Januar 1941 zu Luftschutzräumen ertüchtigt, blieben unverschüttet. Am Leben blieben auch zwei versteckte Männer, der eine im Heizungskeller, der andere unter der Sakristei. Erich Wolff hieß der eine – einer, den das Schicksal hart angepackt hatte. Als 16-Jährigem amputierte man ihm 1910 sein linkes Bein samt Kniegelenk. „Jesus hat mehr gelitten“, tröstete er sich. Eine Frau fand er nie. Sein Vater, Buchdrucker von Beruf, nahm ihn 1912 in die Lehre und übergab ihm den Betrieb altersbedingt. Im Jahr 1938 erzwangen die Behörden seine Schließung, denn die Familie war jüdisch. Erichs Bruder Walther starb im Juni 1942 im KZ Sachsenhausen. Er selbst überlebte. Erich Wolff überlebte dank Margarete Sommer, der Geschäftsführerin des Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat Berlin (HBOB), und ihres Helferkreises. Wolff schrieb ihr Anfang 1942, er wolle sich taufen lassen. Die Adresse war gut gewählt, denn der Katholischen Kirche gewährte das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 einen Herz-Jesu-Kirche, um 1899 Erich Wolff, undatierte Aufnahme

Aktionsraum innerhalb des NS-Staates, den andere, gleichgeschaltete Gemeinschaften nicht besaßen. Wolffs Taufe am 19. September 1942 machte ihn jedoch nicht zum „Arier“. Die Erste Verordnung zum Nürnberger Reichsbürgergesetz von 1935 definierte Personen als „jüdisch“ nicht über ihre Religion, sondern über ihre Abstammung. Wolff galt nach seiner Taufe als „katholischer Nichtarier“. Damit gehörte er zu dem Personenkreis, den das HBOB betreute. Das Hilfswerk zog nach der erzwungenen Schließung der Theresienschule 1939 in deren erste Etage. Die Organisation sorgte für Wohnraum, Arbeit, Schulplätze und Emigration, und als dies nicht mehr ging, wenigstens für das Lebensnotwendigste. Das Hilfswerk arbeitete zusammen mit seinem evangelischen Pendant, dem Büro Pfarrer Grüber des Kaulsdorfer Pastors, bis dieses im Dezember 1941 aufgelöst und Heinrich Grüber verhaftet wurde. Das HBOB musste aber auch Kontakt zu NS-Stellen halten, wie dem für Deportationen zuständigen Referat von Adolf Eichmann und – kooperativer – dem Ministerialrat im Reichsinnenministerium Hans Globke. Er gab Margarete Sommer „die allerwichtigsten Hinweise, so dass wir tatsächlich manches verhindern konnten“, und „nicht wenige der Bestimmungen, an denen er persönlich hatte mitarbeiten ‚müssen‘ (ich erkenne ja ein solches ‚Müssen‘ nicht an) verriet er uns noch, während er daran arbeitete“. Der Berliner Bischof Konrad Kardinal von Preysing, Begründer des HBOB, ergänzte: „Eine Zeit hindurch mußten wir Herrn Dr. Globke fast täglich in Anspruch nehmen.“ Margarete Sommer war gut vernetzt. Als Versteck für Erich Wolff fand sie über die Ladeninhaberin Maria Gerth, Keibelstraße 2, ein freies Zimmer im Nachbarhaus (Nr. 3) bei Hermann. Am 28. Juli 1942 zog er ein, elf Tage danach um die Ecke zur Familie Seelig in die Linienstraße 3 (heute etwa: Mollstraße 35) und schließlich – das Datum ist nicht bekannt – nahm ihn Kaplan Heinrich Kreutz in der Herz-Jesu-Kirche auf. „Ich bin“, so Wolff an Margarete Sommer, „treu und würde, wenn es sein müßte, im Keller, Boden oder auch im Freien übernachten trotz meines Beines.“ Im Heizungskeller fand er ein relativ sicheres Nachtlager. Mangels Kohlen wurde nicht geheizt. Bei Tage humpelte er – ohne gelben Stern – durch die Straßen. Hielt ihn dennoch Polizei an, entblößte er die Beinprothese. Peinlich berührt, ließ man ihn ziehen. Kriegsinvalide! Rast fand er im Seifengeschäft von Helene Kreutz in der Wilhelmstraße 112. Bei der Mutter des Kaplans konnte er sich waschen, satt essen und ausruhen. Als Dank half Wolff im Laden. Im Oktober 1944 trat Horst Rothkegel die Nachfolge von Pater Kreutz an. Der verriet ihm, er habe im Keller „eine Erbschaft“, Margarete Sommer, 1945 Heinrich Kreutz, 1945


und meinte den Mann beim Heizkessel. Dass im Keller, nämlich unter der Sakristei, noch jemand wohnte, ahnte Kreutz nicht. Diesen Gast hatte sein Kollege, Pfarrer Alfred Brinkmann, eingeschleust, und er hielt ihn ebenso geheim. Nur ganz wenige in der Pfarrei wussten von den Versteckten. Der Mann unter der Sakristei hieß Karl Müller. Jahrgang 1892, heiratete er 1928 Margarete Hedwig, 1929 wurde ihnen die Tochter Berit, 1934 ein Sohn geboren. Im selben Jahr fand sich die ganze Familie, auch Margarete, in der jüdischen Gemeinde. Vier Jahre später ließen sich Karl und Kinder taufen und er und Margarete nach katholischem Ritus trauen. Im selben Jahr wurde er in der Reichspogromnacht verprügelt und mit Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert. Er erduldete alle Stufen der Diskriminierung bis hin zum gelben Stern. Seine Kinder hätten ihn ablegen und wieder eine Normalschule besuchen können, wäre seine „arische“ Frau zur Scheidung bereit gewesen. Selbst als „Judensau“ beschimpft und geschlagen, wusste sie um die Lebensgefahr ihres Mannes. Sie willigte nicht ein. Im Herbst 1944 meldete sich Müller bei Margarete Sommer – und seine Frau ihn wohlwissend als vermisst. Verstecke fanden sich sogleich. Zuerst nahmen ihn Anfang September Freunde auf, das Ehepaar Matzke mit sechs Kindern in ihrer Zweizimmerwohnung Weißenburger Straße 4 (heute: Kollwitzstraße 6). Nach zwei Wochen versteckte ihn die Familie von Alois Lessel für etwa zehn Tage im Schlafzimmer ihrer neuen Wohnung, Schönhauser Allee 133. „Immer, wenn es klingelte“, so Lessels Tochter Elly, „mußte er im Kleiderschrank verschwinden.“ Schließlich bot ihm Pfarrer Brinkmann unter der Herz-Jesu-Kirche Asyl. Der Küster Robert Kaminski und einige Gemeindemitglieder versorgten ihn, und Berit brachte ihrem Vater heimlich Essen. Seine Familie wohnte wenige Fußminuten entfernt in der Prenzlauer Allee 232. Berit wählte stets Umwege, um eventuelle Verfolger zu verwirren. Am 1. Mai 1945 erreichten sowjetische Soldaten die Kirche. Das Verstecken hatte ein Ende. Erich Wolff erhielt eine Wohnung in Kreuzberg. Er nahm seinen jüdischen Glauben wieder an, wanderte in die USA aus, kehrte aber zurück. Im Jahr 1969 starb er. Auf Karl Müller wartete seine Familie. Am letzten Kriegstag ausgebombt, fand sie Wohnraum in der Malmöer Straße. Er starb ein Jahr nach Wolff. Und dann war da noch Sonja Goldwerth. Die Waise, 1927 geboren, überlebte auf dem Grundstück der Herz-Jesu- Gemeinde Schönhauser Allee 182, wo sie die Schwestern Unserer Lieben Frau in ihrem Heim Mariahilf verbargen, bis sie sicher Horst Rothkegel, 1945 Die Treppe zum Versteck von Karl Müller unter der Sakristei von Herz-Jesu, 2023


war. Margarete Sommer hatte sie zuvor im Juni 1944 vierzehn Tage lang bei sich und ihrer Mutter in ihrem Haus in Kleinmachnow, Hakenheide 166 (heute: Ernst- Thälmann-Straße), versteckt und dann nach Herz-Jesu mitgebracht. Damit zurück zu dieser mutigen Frau, die wie kaum jemand im Deutschen Reich ihr Leben für die Bedrängten riskierte. Ihre Kladde mit dem Titel „Abwanderung“, die sie penibel führte, nennt 260 deportierte „nichtarische Christen“, die sie, waren deren Adressen im Getto oder Häftlingsund Barackennummern in den Lagern ermittelt, mit Paketen unterstützte. Die Zahl derer, die sie rettete, ist weitaus höher. Die 1924 promovierte Frau sah früh ihre Berufung in der kirchlichen Sozialarbeit. Kaum vorstellbar ist ihr Einsatz an Zeit und Kraft für jedes einzelne Schicksal, kaum zu unterschätzen zum Beispiel ihr Kampf gegen ein geplantes „Mischehengesetz“ 1942/43: Zwangsscheidungen sollten „nichtarischen“ Ehepartnern den Schutz rauben. Sie wurden verhindert. Die Ehrungen, die Margarete Sommer nach 1945 erfuhr, nahm sie bescheiden an. Sie wusste, ein anderer, mit dem sie betend unbeirrt im Austausch stand, hatte ihr die Hand geführt. Sie war „nur Werkzeug“. Erschöpft starb sie 1965 im Alter von 71 Jahren.


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