Es ist kurz nach halb acht an einem Dienstagabend in Berlin. In einem Wilmersdorfer Altbau klingelt es. Keine Verabredung, kein Paketbote. Vor der Tür steht eine Nachbarin, eine Schüssel Kartoffelsalat in der Hand. „Ich habe zu viel gemacht“, sagt sie. „Bevor ich alles wegwerfe …“ Aus zwei Minuten im Hausflur wird ein Kaffee in der Küche. Man redet über das Haus, über die Kinder, irgendwann über das Leben. Vielleicht bleibt es bei diesem einen Abend. Vielleicht ist es der Anfang einer Freundschaft. Zwei Straßen weiter sitzt ein Mann allein vor dem Fernseher.

Er lebt seit zwölf Jahren in seinem Haus. Die Menschen links und rechts von ihm kennt er vom Sehen, ihre Namen nicht. Niemand im Haus weiß, dass er heute Geburtstag hat. Beides ist Großstadt. Fast vier Millionen Menschen leben in Berlin. Sie sitzen morgens nebeneinander in der U-Bahn, stehen gemeinsam an Supermarktkassen, warten beim Bäcker, trinken an benachbarten Tischen ihren Kaffee. Wir kommen einander jeden Tag erstaunlich nahe. Und können uns trotzdem unendlich fern sein.

Vielleicht gehört das zu den großen Widersprüchen moderner Metropolen: Nirgendwo sind so viele Menschen um uns herum – und nirgendwo lässt sich so unauffällig verschwinden.

Wenn die anderen das Alleinsein sichtbar machen

Der Schriftsteller Henry Miller kannte dieses Gefühl. Ausgerechnet New York, seine Heimatstadt, machte ihn rastlos und einsam. Er beschrieb seine Einsamkeit dort einmal als die eines eingesperrten Tieres. Das war vor vielen Jahrzehnten. Smartphones, soziale Netzwerke und Homeoffice gab es nicht. Das Gefühl offenbar schon.

Fast ein Jahrhundert später erzählen Menschen aus Metropolen auf der ganzen Welt erstaunlich ähnliche Geschichten. Eine Frau erinnert sich an ihre Studienzeit in Paris. Eines Abends sitzt sie allein im Bus. An einer Haltestelle steigt eine Gruppe junger Menschen ein. Sie lachen, reden durcheinander, offensichtlich verbindet sie etwas. Und plötzlich wird der Frau schmerzhaft bewusst, dass sie selbst niemanden hat, mit dem sie diesen Abend teilen wird. Nicht die leere Wohnung löst dieses Gefühl aus. Es sind die anderen.

Die Schriftstellerin Olivia Laing, die nach einer Trennung selbst eine einsame Zeit in New York erlebte und darüber das Buch The Lonely City schrieb, beschreibt genau dieses besondere Großstadtgefühl: Wir sind von Menschen umgeben und sehen permanent das scheinbar reichere, geselligere Leben der anderen. Gerade deshalb kann die eigene Einsamkeit besonders sichtbar werden. In Tokio hat die Sehnsucht nach Nähe sogar einen Markt hervorgebracht. Dort kann man Gesellschaft mieten: Menschen, die einen begleiten, zuhören oder für eine bestimmte Zeit die Rolle eines Freundes übernehmen.

Es gibt Angebote für körperliche Nähe und Agenturen für Freunde auf Zeit. In London erzählt ein Bewohner, dass ihn nicht die fehlenden Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben hindern, sondern das fehlende Geld. Freunde treffen, ausgehen, essen, Kino, Konzert – vieles kostet. Wer in einer teuren Metropole wenig Geld hat, kann mitten im größten Freizeitangebot leben und trotzdem ausgeschlossen bleiben. Und in chinesischen Megastädten zeigt sich noch eine andere Form urbaner Isolation.

Millionen Wanderarbeiter haben ihre Heimatregionen verlassen, um Arbeit in den großen Industriezentren zu finden. In Shenzhen lebten zeitweise Hunderttausende Beschäftigte eines einzigen Konzerns in riesigen Wohnheimkomplexen – unzählige Menschen dicht an dicht und dennoch weit entfernt von Familie, Heimat und gewachsenen sozialen Strukturen.

Macht die Großstadt einsam?

So verlockend eine bejahende Antwort wäre: Ganz so einfach ist es nicht. Der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg warnt seit Jahren davor, zwei Dinge miteinander zu verwechseln: allein zu leben und einsam zu sein.

Ein Mensch kann allein wohnen und ein dichtes Netz aus Freunden, Kollegen und Bekannten haben. Und jemand kann verheiratet sein, eine Familie haben und sich trotzdem zutiefst einsam fühlen. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl unserer Kontakte. Entscheidend ist, ob wir uns verbunden fühlen. Deshalb lässt sich auch nicht seriös eine einsamste Stadt der Welt küren. Der amerikanische Einsamkeitsforscher John Cacioppo widersprach der Vorstellung, dass das Leben in einer Großstadt zwangsläufig einsamer mache als das Leben auf dem Land.

Denn die Stadt besitzt gleichzeitig etwas, das vor Einsamkeit schützen kann: Möglichkeiten wie Bibliotheken, Sportvereine, Theater, Parks, Kneipen, Cafés, Nachbarschaftshäuser, Kirchengemeinden, Ehrenamt, Wochenmärkte. Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht: Macht die Stadt einsam? Sondern eher: Was macht eine Stadt aus ihren Begegnungen?

Die Menschen zwischen Freund und Fremdem

An einem Samstagvormittag auf dem Ludwigkirchplatz lässt sich beobachten, was damit gemeint sein könnte. Menschen kommen zum Einkaufen und bleiben länger als geplant.

Eine Händlerin erkennt einen Stammkunden. Am Kaffeestand wird geredet. Zwei Menschen begegnen sich, die sich offenbar regelmäßig hier sehen, ohne eng befreundet zu sein. Der amerikanische Soziologe Mark Granovetter prägte dafür bereits in den 1970er-Jahren den Begriff der „schwachen Bindungen“: Menschen irgendwo zwischen Freund und Fremdem. Der Nachbar aus dem zweiten Stock. Die Frau mit dem Hund. Der Mann vom Zeitungsladen. Die Bedienung im Stammcafé. Der Händler auf dem Markt. Wir laden diese Menschen nicht zu Weihnachten ein. Vielleicht kennen wir nicht einmal ihren Nachnamen.

Und trotzdem gehören sie zu unserem Leben. Sie grüßen uns. Sie erkennen uns. Sie bemerken manchmal sogar, wenn wir fehlen. In einer Millionenstadt kann genau das einen erstaunlichen Unterschied machen. Doch während der eine auf dem Ludwigkirchplatz alle zwanzig Meter jemanden begrüßt, kann ein anderer zwischen denselben Marktständen hindurchgehen, ohne dass ein einziger Mensch seinen Namen kennt. Der Ort allein schafft keine Gemeinschaft. Er schafft nur die Möglichkeit dazu.

Kann man Begegnung planen?

Seoul versucht genau das.

Ende 2024 erklärte die südkoreanische Millionenmetropole mit ihrer Initiative Seoul, No More Loneliness Einsamkeit und soziale Isolation ausdrücklich zu einer Aufgabe der Stadtpolitik. Dazu gehören eine rund um die Uhr erreichbare Anlaufstelle und sogenannte Mind Convenience Stores: Orte, an die Menschen ohne Termin kommen können, um etwas zu essen, zu sitzen, zu reden und anderen zu begegnen. Für Menschen, die ihre Wohnung kaum noch verlassen, beginnt die Hilfe noch kleiner: Sie sollen zunächst 15 Minuten vor die Tür gehen.

Nicht sofort Freunde finden, keinem Verein beitreten, nicht das eigene Leben umkrempeln. Erst einmal nur hinausgehen. Besonders interessant ist Seouls Begriff „Heartware“. Neben der Hardware einer Stadt – Häusern, Straßen und Infrastruktur – soll Stadtplanung auch Räume schaffen, die Menschen miteinander verbinden. Vielleicht könnte diese Antwort auch für Berlin interessant sein. Denn Berlin besitzt mit seinen Kiezen bereits etwas, das eine Millionenstadt überschaubar machen kann. Man wohnt rund um den Ludwigkirchplatz, am Rüdesheimer Platz oder im Güntzelkiez.

Man hat seinen Bäcker, seinen Markt, seinen Park, vielleicht sein Café. Aus der riesigen Stadt wird ein kleiner Radius vertrauter Orte. Doch auch das funktioniert nicht automatisch. Geschäfte verschwinden, Menschen ziehen um, Arbeit findet zu Hause statt, Einkäufe werden geliefert. Vieles ist bequemer geworden – und manche zufällige Begegnung ist gleich mit verschwunden. Möglicherweise werden deshalb jene Orte wichtiger, an denen man sich nicht verabreden muss: ein Markt, eine Bibliothek, ein Café, ein Verein, eine Bank vor dem Haus. Oder eben ein Treppenhaus.

Es ist inzwischen spät geworden in dem Wilmersdorfer Altbau. Die Kaffeetassen stehen noch auf dem Tisch. Die Schüssel ist fast leer. Morgen werden sich wieder Hunderttausende Berliner begegnen. Die meisten werden aneinander vorbeigehen. Auch das gehört zur Freiheit einer Großstadt. Niemand muss jeden kennen. Und wer allein sein möchte, darf allein sein. Aber vielleicht sollten wir wieder etwas besser darin werden, den Unterschied zu erkennen zwischen einem Menschen, der allein sein möchte – und einem, der darauf wartet, dass jemand an seine Tür klopft.

Manchmal beginnt das Gegenteil von Einsamkeit mit einer Türklingel. Und einer Schüssel Kartoffelsalat.