Wer heute über den Ludwig-Barnay-Platz geht, sieht zunächst ein ruhiges Wilmersdorfer Wohnviertel. Rot verklinkerte Häuser, großzügige Höfe, Bäume. Erst die Gedenktafeln an den Fassaden verraten, was hier einmal los war. Ernst Bloch wohnte hier. Arthur Koestler, Ernst Busch, Axel Eggebrecht, Alfred Kantorowicz, Manès Sperber und Peter Huchel ebenfalls. Später kamen Schauspieler wie Gustav Knuth und Klaus Kinski hinzu.
Vor knapp hundert Jahren entstand hier eine der ungewöhnlichsten Nachbarschaften Berlins: eine Wohnsiedlung eigens für Schauspieler, Schriftsteller, Journalisten und andere Menschen, die von der Kunst lebten. Ein Ort, an dem morgens der Schriftsteller im Morgenrock Brötchen holte und nachmittags Ernst Busch aus einem offenen Fenster über den Platz sang. Wenige Jahre später rückte die SA an.
Begonnen hatte alles mit einem Problem, das im heutigen Berlin erstaunlich vertraut klingt: Künstler fanden kaum bezahlbare Wohnungen. Berlin war in den Zwanzigerjahren eine Kulturmetropole. Theater, Kabaretts und Kinos boomten, Zeitungen erschienen in riesigen Auflagen. Doch ein Engagement auf einer Berliner Bühne bedeutete noch lange keinen Wohlstand. Viele Schauspieler, Tänzer, Musiker und Schriftsteller lebten von unsicheren Engagements und kleinen Honoraren.
Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger und der Schutzverband Deutscher Schriftsteller beschlossen deshalb, selbst Wohnungen zu schaffen. Im April 1927 wurde der Grundstein gelegt. Nach den Plänen der Architekten Ernst und Günther Paulus entstanden rund um den damaligen Laubenheimer Platz mehrere vier- und fünfgeschossige Wohnblocks mit kleinen, bezahlbaren Wohnungen und großen Innenhöfen.

Hier zogen nicht nur berühmte Namen ein. Auch Kulissenmaler, Souffleusen und weniger bekannte Bühnenangehörige fanden ein Zuhause. Rund tausend Künstler und Angehörige lebten zeitweise in der Kolonie.
Und offenbar war das Zusammenleben tatsächlich so eigenwillig, wie man es sich bei dieser Mischung vorstellt. Die Schauspielerin Steffie Spira erinnerte sich später daran, wie Alfred Kantorowicz und der Schriftsteller Max Schroeder morgens in ihren Morgenröcken zur Meierei gingen, um Milch und Brötchen zu kaufen. Für die Verkäuferinnen sei dieser Anblick ausgesprochen ungewöhnlich gewesen. Für Spira und ihre Nachbarn offenbar weniger.
Noch schöner ist eine zweite Erinnerung von ihr. In einer Parterrewohnung standen die Fenster weit offen, am Flügel saß der Pianist Franz Osborn. Dazu sang Ernst Busch. Seine Stimme, erzählte Spira später, habe über den ganzen Platz gehallt.
Busch war damals längst kein unpolitischer Unterhaltungskünstler. Der Schauspieler und Sänger arbeitete unter Erwin Piscator und mit dem Komponisten Hanns Eisler zusammen. Mit politischen Liedern wie Roter Wedding wurde er zu einer der bekanntesten Stimmen der Arbeiterbewegung. Überhaupt war Politik in der Künstlerkolonie kaum zu übersehen.

Alfred Kantorowicz lebte in der Kolonie. Seine Wohnung wurde zum Treffpunkt von Gegnern der Nationalsozialisten. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Gustav Regler organisierte er die kommunistische Künstlerzelle. Ernst Busch gehörte ebenso zum Umfeld wie Steffie Spira, Johannes R. Becher, Arthur Koestler und Manès Sperber. Die Künstlerkolonie bekam ihren Spitznamen: Roter Block.
Bei Wahlen hingen an den Häusern schwarz-rot-goldene und rote Fahnen und Transparente. Kantorowicz erinnerte sich später sogar daran, dass Arbeiter aus anderen Berliner Bezirken nach Wilmersdorf kamen, um sich diese demonstrativ nazifreie Kolonie anzusehen. Das blieb den Nationalsozialisten nicht verborgen.
Schon vor 1933 kam es zu Übergriffen der SA. Die Bewohnerinnen und Bewohner organisierten einen Selbstschutz, stellten Wachposten auf. Kantorowicz und seine Mitstreiter malten vor der Reichstagswahl im März 1933 Parolen auf Straßen und Häuser. Eine davon lautete: „Für Arbeit, Freiheit, Brot – der Künstlerblock bleibt rot!“ Zu diesem Zeitpunkt war Hitler bereits Reichskanzler.
Eine kleine Geschichte aus diesen Wochen klingt beinahe komisch, obwohl die Situation längst lebensgefährlich war. Anfang März 1933 wurde auch die Wohnung von Ernst Busch durchsucht. Busch war zu Hause – und verschlief die Durchsuchung. Die SA hielt es offenbar für ausgeschlossen, dass der bekannte kommunistische Sänger noch immer in Berlin sein könnte. Kurz darauf floh Busch aus Deutschland. Für die Künstlerkolonie gab es kein Zurück mehr.
Am 15. März 1933 wurde das Viertel abgeriegelt. SA-Trupps, teilweise als Hilfspolizei eingesetzt, besetzten die Zugänge zur Kreuznacher, Laubenheimer und Bonner Straße. Wohnungen wurden durchsucht, Bewohnerinnen und Bewohner festgenommen, beschlagnahmtes Material auf Lastwagen abtransportiert. In einige verbarrikadierte Wohnungen drangen die Männer über Feuerwehrleitern durch die Fenster ein.

Auf dem Laubenheimer Platz verbrannten sie Bücher und Schriften der Bewohnerinnen und Bewohner – Wochen vor den großen Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933. Innerhalb kürzester Zeit zerfiel die Gemeinschaft. Alfred Kantorowicz, Jude und Kommunist, floh Ende März nach Paris, später kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg und gelangte schließlich in die USA. Arthur Koestler verließ Deutschland ebenfalls. Manès Sperber ging nach Paris. Steffie Spira floh mit ihrer Familie. Ernst Busch führte seine Flucht über mehrere europäische Länder bis in die Sowjetunion und später nach Spanien, wo er sich den Internationalen Brigaden anschloss.
Andere blieben und leisteten Widerstand. Eine von ihnen war Helene Jacobs. Sie zog 1934 in die Künstlerkolonie, als viele der ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner bereits geflohen waren. Später versteckte Jacobs in ihrer Wohnung verfolgte Juden und half ihnen bei der Flucht. Dafür wurde sie 1944 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Israel ehrte sie später als „Gerechte unter den Völkern“.
Nach dem Krieg verliefen die Lebenswege der ehemaligen Nachbarn in völlig unterschiedliche Richtungen. Ernst Busch wurde einer der bekanntesten Schauspieler und Sänger der DDR. Ernst Bloch lehrte zunächst in Leipzig und ging später in die Bundesrepublik. Alfred Kantorowicz kehrte aus dem Exil zunächst in die DDR zurück und floh 1957 in den Westen. Aus Nachbarn wurden Bürger verschiedener Staaten. Die Häuser in Wilmersdorf blieben.
Der Laubenheimer Platz heißt seit 1963 Ludwig-Barnay-Platz, benannt nach dem Schauspieler und Theaterdirektor Ludwig Barnay, einem Mitbegründer der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. Seit 1990 steht die Künstlerkolonie unter Denkmalschutz. Tafeln an den Häusern erinnern an viele ihrer früheren Bewohnerinnen und Bewohner. Wer ihre Geschichte kennt, sieht diese Straßen plötzlich anders.

Hier sang Ernst Busch. Hier organisierte Alfred Kantorowicz den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Hier versteckte Helene Jacobs verfolgte Juden. Steffie Spira erinnerte sich an Nachbarn, die im Morgenrock Brötchen holten, und an Musik, die aus offenen Fenstern über den Platz zog. Das alles geschah innerhalb weniger hundert Meter.
Vielleicht ist das das Erstaunlichste an der Künstlerkolonie: Man muss für große Berliner Geschichte manchmal gar nicht weit laufen. In Wilmersdorf reicht eine Runde um den Ludwig-Barnay-Platz.
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