Atrin Madani ist einer, den man sofort erkennt – an seiner Stimme, an seiner Art, die Bühne zu betreten, und an der Leichtigkeit, mit der er Musik und Menschen zusammenbringt. Geboren 1998 in Berlin, aufgewachsen in Schöneberg, ist er ein Kind der Stadt und zugleich ein Weltbürger. Mauern oder Grenzen spielen für ihn keine Rolle, Berlin ist für ihn schlicht Hauptstadt – und vor allem Hauptstadt des Jazz. Eine Stadt ohne Grenzen, mit einer Musik, die überall verstanden wird: Jazz als universelle Sprache. Schon früh zeigt sich, dass er ein Ausnahmetalent ist.
Mit zehn Jahren singt er im Staats- und Domchor Berlin, steht mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle auf der Bühne. Für einen Jungen ist das ein Erlebnis, das bleibt. Als der Stimmbruch kommt, denkt er kurz ans Schauspiel oder ans Musical. Aber acht Shows pro Woche und Tanz? Das liegt ihm nicht. Seine Leidenschaft ist die Stimme – und die führt ihn in den Jazz. Kind vieler Kulturen Madani bezeichnet sich selbst als „Kind vieler Kulturen“. Sein Vater kam aus dem Iran nach Deutschland, seine Mutter lebt in Kanada. Für ihn ist das kein Widerspruch, sondern ein Schatz, den er in sich trägt.
In Berlin erlebt er früh, dass Vielfalt selbstverständlich sein kann: Freunde aus allen Himmelsrichtungen, Sprachen, Kulturen – für ihn ganz normal. Kanada prägt ihn besonders. Dort sieht er, wie selbstverständlich Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenleben – Koreaner, Chinesen, Inder, Iraner, Jüdinnen und Juden. „Das hat mich verblüfft, weil es zeigt, dass friedliches Zusammenleben möglich ist, wenn man sich gegenseitig respektiert.“ Gerade in einer Zeit voller Spannungen und Spaltungen ist dieser Gedanke für ihn wichtig.
Kultur, so Madani, ist die Sprache, die verbindet: Musik, Kunst, gemeinsames Erleben. Von Nemo zu Sinatra Manchmal entscheiden Kleinigkeiten den Lebensweg. Bei Atrin Madani war es ein Animationsfilm. Als Kind wollte er Findet Nemo immer und immer wieder sehen. Nicht, weil ihn die bunten Fische fesselten, sondern weil er auf den Abspann wartete. Dort sang Robbie Williams Beyond the Sea – ein jazziges Cover von Charles Trenets Chanson La Mer. Dieses Lied zog ihn so sehr in den Bann, dass sein Vater irgendwann eingriff. „Gut, dann müssen wir uns den Film wenigstens nicht zum 71.

Mal anschauen“, sagte er und brachte ihm eine DVD mit: Robbie Williams live at the Royal Albert Hall. In diesem Moment öffnete sich eine neue Welt. Madani erlebte, wie Williams Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. Tribut zollte. Von da an war klar, dass er genau das tun wollte: singen, Geschichten erzählen, Menschen berühren. Stimme mit Vorbildern Sein Weg führte ihn bald zu den großen Stimmen: Frank Sinatra, Tony Bennett, Al Jarreau. Von Sinatra lernte er Präzision und Timing, von Bennett Eleganz, von Jarreau die Leichtigkeit.
Später kam Gregory Porter hinzu, den er als eine „Jahrtausendstimme“ bezeichnete – warm, kraftvoll, modern. Porter hatte er 2016 in der Berliner Philharmonie erlebt, kurz nach seinem 18. Geburtstag. Jahre später durfte er ihm auf dem Gendarmenmarkt die Bühne eröffnen. Ein Kreis, der sich schloss. Auch David Bowie inspirierte ihn, wenn auch auf andere Weise. Bowie blieb für ihn das Sinnbild von Authentizität: ein Künstler, der sich immer treu blieb, egal ob in Musik oder Mode. Dass Bowie in Berlin einen Teil seiner größten Phase verbrachte, machte ihn für Madani noch greifbarer.
Studium und erste Erfolge Nach dem Abitur 2017 ersang er sich gleich mehrere Studienplätze, entschied sich für Dresden, bevor er 2019 ans Jazz-Institut Berlin wechselte. 2018 wurde er ins Bundesjazzorchester aufgenommen – eine besondere Auszeichnung. Zwei Jahre lang reiste er mit dem Ensemble, trat in New York, Chicago, Israel und auf dem Balkan auf. Seine Professorinnen und Professoren waren nicht immer glücklich, wenn er mehr auf der Bühne als am Klavier saß.

Aber für ihn war klar: „Das wahre Studium findet auf der Bühne statt.“ Hier lernte er, wie Musik wirkt, wie Publikum reagiert, wie man mit jedem Song eine Geschichte erzählt. Sänger mit eigener Handschrift Madani nahm große Songs nicht leichtfertig in Angriff. Manche, so meinte er, müsse man „erst in den Hals kriegen“, bevor man sie authentisch singen könne. Ihm ging es nie ums bloße Nachsingen, sondern um die eigene Handschrift.
„Man darf Sinatra nicht kopieren, man muss die Lieder so singen, dass sie nach einem selbst klingen.“ Neben Jazzstandards faszinierte ihn besonders die Musik der Weimarer Republik – Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender, Walter Jurmann. Diese frechen, eleganten, oft selbstironischen Lieder waren für ihn Ausdruck einer Hochkultur, die man nicht vergessen dürfe.
Karriere mit Glanzmomenten Er arbeitete mit Musikergrößen wie Django Bates, Till Brönner, Lisa Bassenge, Jiggs Whigham oder Peter Fessler, stand mit der Bigband der Deutschen Oper Berlin auf der Bühne und füllte Clubs wie das ZigZag in Friedenau, A-Trane, Schlot und die Bar jeder Vernunft. 2021 nahm er in den legendären Hansa Studios sein Debütalbum Where Are We Now? auf. Der Titel war eine bewusste Anspielung auf Bowie. Es entstand ein Album, das 2023 erschien und prompt für den Deutschen Jazzpreis nominiert wurde.
Beim Deutschlandfunk stellte er es in einem Funkhauskonzert vor – mit eigenwilligen Versionen von Jazz- und Popklassikern. Ein Höhepunkt war der Sommerabend auf dem Gendarmenmarkt: Atrin Madani eröffnet das Konzert von Gregory Porter. Lampenfieber? „Elf auf einer Skala von eins bis zehn“, meinte er lachend. Doch die Anspannung war für ihn Teil der Kraft, die ihn auf der Bühne konzentriert sein ließ. Mein Kiez Schöneberg So weit ihn seine Reisen auch führen – nach Nordamerika, Asien, auf den Balkan – Schöneberg bleibt sein Zuhause.

Er lebte hier fast sein ganzes Leben, von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. In Schöneberg ging er durchgehend zur Schule, erst auf die Finow-Grundschule in der Welserstraße, später auf die Sophie-Scholl-Schule. Noch stärker als Lebensstationen prägte ihn jedoch das Alltägliche im Kiez: der Gang zum Winterfeldtmarkt, wo er samstags frisches Obst und Gemüse einkauft, oft mit Freunden.
„Ich koche sehr gerne, und auf dem Winterfeldtmarkt gibt es einfach alles – regionale Produkte, aber auch Exotisches.“ Danach geht es häufig in die Winterfeldtstraße, wo sich die Nachbarschaft traditionell bei Gitan Wein oder Querschnitt Weine trifft. „Das ist ein Umschlagspunkt, da trifft man sich nach dem Markt, trinkt ein Glas Wein, und alle laufen sich über den Weg.“ Auch kulinarisch findet er in Schöneberg seine Lieblingsorte. Bei Berkis aß er griechisch, beim Papaya thailändisch.
Anders als in Mitte oder in Prenzlauer Berg, wo ständig neue Social-Media-Restaurants gehypt werden, schätzt er am Kiez die Beständigkeit. „Man muss hier nicht drei Stunden anstehen, um ein paar Nudeln zu essen.“ Besonders verbunden ist er mit der Galerie The Ballery vom Briten Simon Williams in der Nollendorfstraße – eher Konzertort als reiner Ausstellungsort. Hier hatte er seine ersten Auftritte als Jazzsänger, hier begann sein Weg als Bühnenmensch. Schöneberg verändert sich auch. Cafés wie das Romantica oder das Sur auf der Akazienstraße verschwanden, das Berio auf der Maaßenstraße gibt es nicht mehr.

Aber Konstanten bleiben: das Café Impala oder das Double Eye, zwei Institutionen, die er als sichere Bank für hervorragenden Kaffee nach wie vor schätzt. Für ihn ist Schöneberg ein Viertel, das nicht so glatt ist wie Charlottenburg und nicht so überlaufen wie der Prenzlauer Berg. „Schöneberg ist das perfekte Beispiel für authentische Vielfalt.“ Entertainer mit Augenzwinkern Madani ist nicht nur Sänger, sondern auch Entertainer. Schon als Kind war er der Alleinunterhalter, oft zur Verzweiflung seiner Lehrer. Heute verwandelt er diese Energie in Charme, Witz und Selbstironie auf der Bühne.
Er mag es nicht, wenn Menschen sich zu ernst nehmen – und überträgt diese Haltung auf seine Musik. Das macht ihn nahbar und hebt ihn zugleich aus der Masse heraus. Ein Musiker der Gegenwart Atrin Madani gehört zu den großen Stimmen des jungen europäischen Jazz. Er verbindet Ernsthaftigkeit mit Leichtigkeit, Weltoffenheit mit Heimatverbundenheit. Er macht Schöneberg zu seinem Ausgangspunkt in die Welt – und bringt der Welt ein Stück Schöneberg näher. Wer ihn singen hört, vergisst für einen Moment den Alltag.
Seine Stimme erzählt Geschichten, mal voller Witz, mal voller Melancholie, immer getragen vom Wunsch, Menschen zu verbinden. Und so klingt Schöneberg mit Atrin Madani immer auch ein wenig nach Jazz.
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