Eva Siewert (1907–1994) war in den 1930er-Jahren eine der prominentesten Stimmen von Radio Luxemburg. Mit dem Ende ihres Vertrags kehrte sie nach Berlin zurück und geriet in den Fokus der Nationalsozialisten, nachdem sie Witze über Adolf Hitler gemacht hatte. Aus der Haft trug Siewert dauerhafte gesundheitliche Schäden davon, sodass sie nach Kriegsende als politisch Verfolgte anerkannt wurde und eine geringe Rente erhielt, die sie sich mit journalistischen Arbeiten aufbesserte. Diese wurden jedoch nicht systematisch dokumentiert, sodass Eva Siewert in Vergessenheit geriet. Im Zuge seiner Beschäftigung mit den Akteuren der zweiten deutschen Homosexuellenbewegung stieß der Historiker Raimund Wolfert auf Siewerts Namen und entwickelte nach ersten Recherchen zusammen mit der Schauspielerin Sigrid Grajek, der Malerin Martina Minette Dreier und der Journalistin Christine Olderdissen einen digitalen Projektraum, der die Spurensuche dokumentiert. Darauf wurde die Kunsthistorikerin Oranna Dimmig aufmerksam, die 1995 in einem Berliner Trödelgeschäft einen Koffer mit persönlichen Dokumenten Siewerts erworben hatte, darunter acht Briefe ihrer Geliebten Alice Carlé, die 1943 in Auschwitz ermordet worden ist. Zusammen mit der auf lesbische Geschichte spezialisierten Historikerin Claudia Schoppmann haben Wolfert und Dimmig ihre spannende Spurensuche nun in einem Buch zusammengetragen, das nicht nur die Lebensumstände von Siewert und Carlé dokumentiert, sondern auch literarische und publizistische Texte versammelt.