Fast ein Jahr lang hielten manche Stammkunden Aygül Mehtap für die neue Mitarbeiterin im Mehlstübchen. Sie stand hinter dem Tresen, bediente, hörte zu und lernte die Menschen kennen. Dass ihr der Laden inzwischen gehörte, erfuhren viele erst nach und nach. Dieser beinahe lautlose Wechsel passt zu ihr. Aygül Mehtap drängt sich nicht in den Mittelpunkt, spielt nicht die Chefin und möchte nicht alles umkrempeln, nur um ihre Handschrift zu hinterlassen. „Mit dem Guten kann man alles erreichen“, lautet ihr Motto. Ein Kunde sagte ihr später, vermutlich hätte niemand anderes den Übergang so behutsam geschafft. Für Aygül Mehtap war das eines der schönsten Komplimente. Dabei ist sie nicht einfach in irgendein Geschäft gekommen. Das Mehlstübchen in der Leberstraße gibt es seit 21 Jahren. Die Regale, die Mehlsäcke, das Rustikale – alles gehört für viele längst zur Roten Insel.

Als bekannt wurde, dass die langjährige Inhaberin Nicole aufhören würde, baten die Stammkunden vor allem um eines: bitte nicht alles verändern. Aygül Mehtap hatte das auch nicht vor. Als sie den Laden zum ersten Mal betrat, war da sofort ein vertrautes Gefühl. Nicht weil sie schon als Kind im Mehlstübchen eingekauft hätte. Damals gab es das Geschäft noch gar nicht. Es waren der Geruch, die Straße und die Stimmung. „Es war Kindheit“, sagt sie. „Es war wie Ankommen.“ Geboren wurde Aygül Mehtap in der Türkei, aufgewachsen ist sie in der Naumannstraße. Mitte der Achtzigerjahre kam sie mit ihrer Familie nach Westberlin. Sie war das vorletzte von acht Kindern, ruhig, zurückhaltend und von ihren älteren Geschwistern behütet. Der Kiez war ihre Welt: Schule, Freunde, Familie – alles lag nah beieinander. Als Kind wollte sie Polizistin werden.

Nach der Schule begann sie mit 16 Jahren als Aushilfe bei einer Fast-Food-Kette und übernahm später Verantwortung als Schichtleiterin. Dort lernte sie zu organisieren, Mitarbeiter zu führen und mit ganz unterschiedlichen Menschen umzugehen. Laut auftreten musste sie dafür nie. Schon damals erreichte sie mit Ruhe und Freundlichkeit mehr als mit strengen Ansagen. Nach der Geburt ihres Sohnes zog Aygül Mehtap noch einmal in die Türkei. Doch in Antalya fühlte sie sich einsam, Freunde und Familie fehlten. Auch ihr Sohn hatte stark mit der Hitze zu kämpfen. Also kehrte sie zurück: aus der türkischen Sonne in die Berliner Kälte – und zugleich in die Wärme ihrer Familie. Die Idee eines eigenen Cafés trug sie längst im Kopf. Ihr Mann ist gelernter Konditor, Aygül Mehtap kocht und backt gern. Ihr Bruder fragte immer wieder, warum beide daraus nicht etwas Eigenes machten.

Aygül Mehtap Antwort war klar: wenn überhaupt, dann in Schöneberg. Zwei Wochen später rief er an. Eine Bekannte wolle ihren Laden abgeben – das Mehlstübchen. Im Juni lernte Aygül Mehtap die damalige Inhaberin Nicole kennen, am 1. September hielt sie den Ladenschlüssel in der Hand. Bis zuletzt war sie überzeugt, irgendetwas müsse noch schiefgehen. Doch nichts ging schief. Nicole arbeitete in den ersten drei Monaten an ihrer Seite und blieb auch danach noch eine Weile. Die Kunden sahen Aygül Mehtap kommen, ohne dass der Wechsel groß inszeniert wurde. Keine Luftballons, keine feierliche Übergabe, kein Schild mit „neue Inhaberin“. Das Mehlstübchen blieb einfach das Mehlstübchen.

Zwei Frauen im Mehlstübchen

Ein Laden wird zur Familiensache

Auch die Arbeit wurde zur Familiensache. Aygüls Mann backt, sie selbst steht vorn im Laden. Drei ihrer Nichten aus drei verschiedenen Geschwisterfamilien arbeiten ebenfalls mit. Mit ihnen verbindet Aygül Mehtap ein enges, vertrauensvolles Verhältnis. Umso schöner ist es für sie, dass ihre Nichten nun auch im Mehlstübchen an ihrer Seite stehen. So sind ihr Mann und ihre Nichten fest in den Laden eingebunden. Wenn jemand ausfällt oder Hilfe braucht, ist die Familie da. Ganz ohne Veränderungen ging es dennoch nicht. Aygüls Mann entwickelte das Angebot an klassischen Kuchen und Gebäcken weiter. Hinzu kamen kleine Törtchen, die Aygül Mehtap besonders gern zubereitet: im Sommer mit Quark und Zitrone, im Winter mit Apfel und Zimt, außerdem mit Aprikose und Mascarpone oder Himbeere.

Und auch beim Brot hat sie einen klaren Favoriten: Das Roggen-Dinkel-Brot darf auf dem heimischen Tisch nicht mehr fehlen.

Aygül Mehtap an den Mehlregalen

Wissen, das durch viele Hände geht

Im Mittelpunkt bleibt das Mehl. Dutzende Sorten stehen in den Regalen, überwiegend aus deutschen, teilweise aus französischen Mühlen. Es gibt Weizen und Roggen, Dinkel, alte Urkornmehle sowie glutenfreie Alternativen wie Buchweizen, Hirse, Reis oder Kartoffel. Glutenfreies Gebäck kann der Laden allerdings nicht anbieten: Dafür liegt zu viel Mehlstaub in der Luft. Aygül Mehtap tut nicht so, als kenne sie nach zwei Jahren bereits jedes Korn und jede Backeigenschaft. Sie gibt weiter, was sie von Nicole gelernt hat, fragt bei ihr nach und hört ihren Kunden zu. Viele sind erfahrene Hobbybäcker und erzählen, wie sich ein Teig verhalten hat, welches Brot gelungen ist und was beim nächsten Versuch anders werden soll. Manchmal bringen sie Fotos, manchmal Kostproben. Die Logopädin von nebenan backt häufig glutenfrei und lässt das Team probieren.

So wandert Wissen im Mehlstübchen nicht nur über den Tresen in eine Richtung. Jeder lernt von jedem. Auch Aygül Mehtap selbst kam erst über ihre Kinder intensiver zum Backen. Nachdem sie lange im Fast-Food-Bereich gearbeitet hatte, wollte sie für ihren Sohn möglichst viel selbst machen. Sie begann mit Burgerbrötchen, Brot und Pizza. Inzwischen isst sie Pizza am liebsten aus dem eigenen Ofen – auch wenn ausgerechnet das Gericht, auf das sie besonders stolz ist, zuletzt gründlich misslang. Die große Auswahl im Laden hat Grenzen. Viele Mehlsorten werden in 25-Kilo-Säcken geliefert. Was kaum gekauft wird, verliert irgendwann an Qualität. Deshalb hat Aygül einige wenig gefragte Sorten aus dem Sortiment genommen. Nicht jeder Stammkunde war darüber glücklich. Auch von Backwaren produziert sie nicht mehr, als voraussichtlich verkauft wird.

Gebäck aus der Familienbackstube

Übriggebliebenes geht an die Tafel, doch am besten ist, wenn gar nichts übrig bleibt. Ein Brot darf am Nachmittag ausverkauft sein. Wer sichergehen möchte, kann vorbestellen. Für Aygül Mehtap ist das kein Mangel, sondern ein respektvoller Umgang mit Lebensmitteln.

Mitten im Leben der Roten Insel

Das Mehlstübchen ist ohnehin mehr als ein Laden. Vor der Tür kann man Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen. Kinder warten auf ihren Keks und manchmal ausdrücklich darauf, von Aygül Mehtap bedient zu werden. Nachbarn treffen sich zufällig, bleiben im Gespräch und leihen einander notfalls sogar Geld. Wenn Aygül Mehtap verreist, gießen Menschen aus der Umgebung ihre Pflanzen. „Ich habe ganz liebe Kunden“, sagt sie. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Aygül Mehtap weiß das. Übertrieben sei es trotzdem nicht. Sie selbst ist inzwischen wieder Teil des Kiezes. Beim Einkauf im Edeka trifft sie Stammkunden, auf der Straße grüßen die Betreiber der umliegenden Cafés. Man kennt sich, kauft beieinander ein und spricht miteinander. Vieles auf der Roten Insel sieht für Aygül Mehtap noch so aus wie in ihrer Kindheit.

Gemeinsames Backen im Mehlstübchen

An einem Spielplatz in der Leberstraße sieht sie sich noch immer Fahrradfahren lernen. Nur die Geräte sind heute aus Holz und ein wenig schöner. Einfach war die Übernahme für ihre Familie nicht. Aygüls Tochter wurde gerade eingeschult und musste sich daran gewöhnen, dass ihre Mutter plötzlich viel mehr Zeit im Laden verbrachte. Anfangs mochte sie das Mehlstübchen deshalb nicht besonders. Heute gehört es auch zu ihrem Leben. Wenn Aygül im Scherz fragt, ob sie den Laden wieder abgeben solle, lautet die Antwort eindeutig: nein. Der Familienalltag funktioniert nur, weil Aygül und ihr Mann sich aufeinander verlassen. Er backt hinten, sie kümmert sich vorn um den Laden. Wenn sie arbeitet, ist er bei den Kindern; später wechseln sie. Er vertraut ihr bei den organisatorischen Fragen, sie mischt sich nicht in seine Backstube ein.

Auch sprachlich hat der Laden ihn weitergebracht: Weil er immer häufiger vor den Kunden steht, spricht er heute viel sicherer Deutsch. Pläne für weitere Filialen hat Aygül Mehtap nicht. Kunden schlagen ihr zwar immer wieder andere Standorte vor, doch sie möchte, dass das Mehlstübchen klein und persönlich bleibt. „Da, wo es ist, ist es richtig“, sagt sie. Das gilt für den Laden – und längst auch für sie selbst. Am Abend, wenn sie abschließt, läuten gegenüber die Glocken der Kirche. Dann ist Aygül Mehtap für einen Moment wieder das Mädchen aus der Naumannstraße, das nach Hause gerufen wird. Heute führt ihr Weg nicht mehr aus dem Kiez hinaus. Er führt mitten hinein: zu ihrer Familie, ihren Kunden und einem Laden, der schon lange zur Roten Insel gehört – und nun auch zu ihr. ■