„Ich kann überhaupt nicht malen“, diesen Satz hört Silke Wixwath fast nur von Erwachsenen. Kinder suchen sich eine Tasse, eine Schale oder einen Teller aus, greifen nach den Farben und legen los. Die Großen fragen sich: Wird das schön? Kann ich das überhaupt? „Wartet mal ab, wir kriegen euch alle“, sagt Silke Wixwath dann. Bald sitzen auch die Skeptiker über ihrer Keramik und nehmen nichts mehr um sich herum wahr. Im Knutselwinkel treffen Kindergeburtstage auf Großeltern, Paare auf Freundesgruppen und Anfänger auf Stammgäste. Es geht darum, den Alltag, den Kopf auf Pause zu schalten und den eigenen Händen zu vertrauen. Werden die fertigen Stücke abgeholt, wartet Silke Wixwath auf das Staunen, das Lächeln und den Stolz. Das sind ihre Glücksmomente. Und die Menschen, die zu ihr kommen, sind keine Kunden, sondern Knutselfreunde.
Der Laden trägt viel von Silke Wixwath in sich: ihre Kreativität, ihren Humor – und jenes produktive Chaos, das sie seit ihrer Kindheit begleitet. Zeitmanagement sei nicht ihre größte Stärke, gibt sie offen zu. Dafür traut sie sich etwas. Als sie ihren ersten Laden in Potsdam eröffnete, wussten ihre Eltern nichts davon. Denn Silke Wixwath war sich sicher: Aus Sorge hätten sie versucht, ihr den Plan auszureden. Also erzählte sie es ihnen erst, als aus der Idee eine Tatsache geworden war.
Vom Zahnlabor zum eigenen Laden

Dass sie Unternehmerin werden würde, war nicht geplant. Silke Wixwath wurde 1970 in Friedrichshain geboren und wuchs in Prenzlauer Berg und in Friedrichshain auf: „ein Ostkind, eine echte Berlinerin“. Schon als Mädchen malte, bastelte und töpferte sie, musizierte und tanzte. Kunst oder Medizin wären ihre Traumberufe gewesen. Doch der direkte Weg zum Abitur blieb ihr versperrt, und ihre Eltern konnten einem Leben als Künstlerin wenig abgewinnen. Eine Tante brachte sie auf die Zahntechnik. Im ersten Moment stellte sich Silke Wixwath darunter vor, Zahnarztstühle zu reparieren. Doch als sie sich informierte, entdeckte sie genau die Verbindung, die zu ihr passt: medizinisches Wissen, Gestaltung und feinste Handarbeit. So begann sie das dreijährige Fachstudium in der DDR, wurde leidenschaftliche Zahntechnikerin und fertigte nebenher Schmuck.
Dann griffen Staub und andere Stoffe ihre Lunge an. Silke Wixwath musste den Beruf aufgeben. Die Lunge erholte sich, sie aber brauchte einen neuen Weg. 1991 wurde ihr Sohn geboren, mitten in einer Zeit, in der sich eine ganze Welt veränderte. Silke Wixwath zog ihn zunächst allein groß, unterstützt von ihren Eltern. Als er in die Schule kam, studierte sie drei Jahre Grafik- und Kommunikationsdesign und arbeitete danach für Agenturen und in der Eventbranche. Sie liebt das Kreative, doch der Kampf um Aufträge wurde härter. Für ein Geschäft in der Kollwitzstraße übernahm sie das Marketing. Dort bemalte sie erstmals selbst Keramik und war sofort Feuer und Flamme. Freunde mit einer Pralinenmanufaktur im Holländischen Viertel in Potsdam erzählten ihr kurz darauf von einem freien Laden nebenan: „Mach doch so etwas hier.“ Und Silke Wixwath machte.

Sie schrieb einen Businessplan, belegte bei einem Wettbewerb den zweiten Platz, bekam Fördermittel und eröffnete 2009 ihren ersten Knutselwinkel. Der Name passte zum Holländischen Viertel in Potsdam: „knutseln“ bedeutet auf Niederländisch basteln oder werkeln, „winkel“ heißt kleiner Laden. Zusammen beschreibt das einen gemütlichen Ort zum Selbstmachen. Doch selbst ein ausgezeichneter Businessplan garantiert keine vollen Tische. Im ersten Jahr blieben die Umsätze hinter den Berechnungen zurück. Die Zweifel kamen: War es richtig, die Sicherheit aufzugeben? Wird der Laden aus eigener Kraft bestehen können? Silke Wixwath gab nicht auf, sie blieb dran, und es wurden immer Knutselfreunde. Nach etwa einem Jahr spürte sie, dass ihre Idee trägt. 2014 eröffnete Silke Wixwath einen zweiten Knutselwinkel in der Knaackstraße, mitten im Kollwitzkiez.
Ein weiterer Standort, so wurde ihr vorgerechnet, müsse wirtschaftlich von Vorteil sein. Was niemand mit berechnet: wie viel von Silke Wixwath selbst in ihren Läden steckte. Sie pendelte zwischen Berlin und Potsdam und versuchte an beiden Orten dieselbe Atmosphäre zu bewahren. Irgendwann stand sie kurz vor dem Burn-out. Ende 2017 gab sie Potsdam auf und konzentrierte sich auf Prenzlauer Berg. Das vermeintliche Kleinerwerden gab ihr Kraft zurück, der Berliner Laden begann richtig gut zu laufen. Beim Ausbau halfen ihr Sohn und dessen Freunde, deren Beruf und Leidenschaft das kreative Tischlerhandwerk sind. So steckt auch von ihm eine Menge im Knutselwinkel. Nutzgeschirr statt „Tünnes“ Wer heute hereinkommt, darf sich zwischen etwa 200 Rohlingen entscheiden: Tassen, Schalen, Vasen, Dosen, Tortenplatten und jahreszeitliche Keramiken.

Silke Wixwath bevorzugt Dinge, die wirklich benutzt werden. Nutzgeschirr statt „Tünnes“, sagt sie. Eine wichtige Stütze an ihrer Seite ist seit vielen Jahren Kathrin. Als ausgebildete Porzellanmalerin bringt sie viel Fachwissen über Farben, Techniken und Keramik mit. Gemeinsam beraten die beiden, welche neuen Rohlinge in den Laden kommen; der überwiegende Teil stammt aus Italien. Dass selbst zwei erfahrene Frauen mit ihrem Geschmack danebenliegen können, nehmen sie mit Humor: Eine skandinavische Teekanne fanden beide so schön, dass sie mehrere Kisten bestellten – die stehen noch immer im Lager. Rohlinge mit Perlenhenkeln hielten sie dagegen zunächst für Kitsch. Gerade die werden ihnen aus den Händen gerissen. Nach der Auswahl folgt die Einführung: Wie werden Flächen gleichmäßig, wie entstehen dünne Linien, warum gehören helle Farben nicht über dunkle?
Danach beginnt jeder mit seinen Farben. Silke, Kathrin und das Team bleiben in der Nähe, ohne sich aufzudrängen. Sie spüren, wer Begleitung sucht und wer in Ruhe gelassen werden möchte. Kinder greifen zum Pinsel und legen los. Erwachsene schauen erst nach links und rechts. Mit der Pubertät, beobachtet die Inhaberin, geht diese Unbefangenheit verloren. Im Knutselwinkel soll sie zurückkommen dürfen. Hier muss niemand sein Talent beweisen. Während des Malens wird geredet, gelacht und manchmal auch Persönliches erzählt. Aus manchen Begegnungen sind über die Jahre sogar Freundschaften entstanden. Ist das Kunstwerk fertig, wird es kontrolliert, glasiert, getrocknet und gesäubert. Dann kommt es bei 1020 Grad in den Ofen. Aufheizen und Abkühlen dauern rund 20 Stunden. Nach einigen Tagen kann es abgeholt werden; kleine Fehler lassen sich manchmal durch einen zweiten Brand ausgleichen.

Vollständig beherrschen lässt sich Keramik dennoch nicht. Ein unsichtbarer Riss kann eine bemalte Tortenplatte zerbrechen lassen. Den schlimmsten Moment erlebte Silke Wixwath kurz vor Weihnachten: Der Temperaturregler fiel aus, der Ofen überhitzte, sämtliche Stücke schmolzen. Für neue Geschenke blieb keine Zeit. Das Team legte die zerstörten Ofenplatten aus, damit jeder sehen konnte, was geschehen war. Vor allem die enttäuschten Kinder vergisst Silke Wixwath nicht. „Das war ein Trauma für uns.“
Kreativität als Auszeit vom Alltag

Als während Corona niemand im Laden malen durfte, stellte Silke Wixwath Rohlinge ins Schaufenster. Die Knutselfreunde wählten von draußen ihre Keramik, Silke packte Farben, Pinsel und alles Weitere in Workshop-Boxen – und zu Hause wurde weitergemalt. Seitdem ist die Sehnsucht nach dem Selbstmachen noch größer. In einer Welt aus Handys, Tablets und pausenlosen Nachrichten wollen Menschen etwas mit ihren Händen schaffen und abschalten. Deshalb sitzen hier Kinder und Großeltern, Paare und Freundesgruppen, Junggesellinnen- und sogar Junggesellenabschiede. Eine eindeutige Zielgruppe gibt es nicht. Auch ihr alter Wunsch nach Medizin ist nie ganz verschwunden. Als es ihr gesundheitlich nicht gut ging, beschäftigte sie sich intensiv damit. Drei Jahre lang studierte sie in der Schweiz holistische Gesundheit und Ernährungsmedizin – aus persönlichem Interesse, nicht für einen neuen Beruf.
So finden ihre frühen Wünsche zusammen: Medizin und Kunst, Wissen und Gestalten, Genauigkeit und Fantasie. Im Knutselwinkel braucht sie von allem etwas – vor allem ihr Gespür für Menschen. Denn hier entsteht nicht nur eine bemalte Tasse oder Schale, sondern für ein paar Stunden Abstand vom Alltag. Und häufig jener Glücksmoment, von dem Silke Wixwath spricht. ■
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