Am Halensee stand einst einer der größten Vergnügungsparks Europas Bundesarchiv, Bild 146-1993-069-16 Text und Fotos: mein Kiez Wer heute über die Halenseestraße fährt, braucht viel Fantasie. Autos rauschen über den Asphalt, Brücken und Auffahrten bestimmen das Bild. Nichts erinnert daran, dass sich hier in Wilmersdorf einst Zehntausende Berlinerinnen und Berliner amüsierten. Sie fuhren Achterbahn, tanzten, sahen Boxkämpfe und Feuerwerk. Am Ufer des Sees lag der Lunapark: mondän und derb, modern und rückständig – und an manchen Stellen aus heutiger Sicht verstörend. Die Geschichte begann bescheidener. Als der Kurfürstendamm noch kaum großstädtisch wirkte, zog es Berlinerinnen und Berliner am Wochenende ins Grüne. Am Ostufer des Halensees eröffnete 1882 ein Wirtshaus. Familien kamen mit Kremsern, machten Rast und kochten ihren Kaffee selbst.
Bald folgten Karussells, Schieß- und Würfelbuden. Ein bootähnlicher Wagen sauste sogar den Hang hinunter und landete im See. 1904 eröffneten der Gastronom August Aschinger und Bernd Hoffmann, ein ehemaliger Küchenchef des Kempinski, die Terrassen am Halensee. Türme, Treppen, Säulen und verspielte Fantasiearchitektur ließen sie wie einen Märchenpalast erscheinen. Doch Berlin verlangte nach immer neuen Sensationen. Coney Island in New York zeigte, wie sich aus Technik, Spektakel und Geschäft ein neues Freizeitvergnügen machen ließ. Aus den Terrassen wurde 1909, nach anderen Quellen 1910, der Lunapark. Er war kein gemütlicher Rummelplatz, sondern eine eigene Stadt des Vergnügens. Wer durch den monumentalen Eingang am damaligen Kurfürstendamm 124a trat, sollte den Alltag vergessen.
Dahinter warteten Lichter, Musik, Menschenmassen, Gebirgsbahn, Wirbelschaukel, Teufelsscheibe, Geisterbahn, Lachhaus und Wasserrutschbahn. Berüchtigt war die Shimmytreppe. Ihre beweglichen Stufen brachten die Besuchenden ins Schwanken. Ein Luftstrom wirbelte mitunter die Röcke der Frauen hoch – ein vermeintlicher Spaß auf Kosten der Besucherinnen. Auch eine frühe Rolltreppe wurde als technische Sensation bestaunt. Der Lunapark war Jahrmarkt und Weltausstellung zugleich – mit viel kontrolliertem Kontrollverlust. Abends tauchten Tausende Glühlampen das Gelände in Licht, Feuerwerke spiegelten sich im See. In den Restaurants soll es Paul Kaufmann, Wilmersdorf-Berlin / Zeno.org Platz für bis zu 16 000 Menschen gegeben haben. Im Bayerndorf floss Bier, im vornehmeren Luna-Palais traf sich das besser gekleidete Publikum.

Es gab Tanz, Revuen, Kabarett, Konzerte und Boxkämpfe. 1910 wurde bereits der millionste Besucher gefeiert. Dabei lebte der Park nicht nur von seinen großen Attraktionen. Er war ein Gesamterlebnis. Schon am Eingang konkurrierten Musik, Rufe und Leuchtreklamen um Aufmerksamkeit. Hinter jeder Ecke wartete die nächste Überraschung, und wer genug Geld dabeihatte, konnte einen ganzen Tag bleiben. Essen, Sport, Tanz und Nervenkitzel lagen nur wenige Schritte auseinander. Der Lunapark passte zu einer Stadt, die immer schneller, größer und selbstbewusster wurde. Berlin wollte Weltstadt sein – am Halensee konnte es sich für ein paar Stunden auch so fühlen. Der Lunapark zog Arbeiterfamilien ebenso an wie Angestellte, Künstler und Nachtschwärmer. Wer sich keine große Reise leisten konnte, bekam am Halensee eine künstliche Weltreise.
Darin lag auch die dunkle Seite: Zum Programm gehörten sogenannte Völkerschauen, etwa ein „Somalidorf“. Menschen wurden als exotische Attraktionen vorgeführt, ihre vermeintlich fremde Lebensweise für ein zahlendes Publikum inszeniert. Was damals als Unterhaltung galt, beruhte auf kolonialen und rassistischen Vorstellungen. Die benachbarte Villenkolonie Grunewald klagte über Lärm, Feuerwerk, Menschenmengen und Automobile. Für die einen war der Park ein Ort der Freiheit, für die anderen eine dauernde Zumutung: Die Stadt wollte feiern, die Nachbarschaft schlafen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verstummte das Vergnügen. Der Park schloss, das Hauptrestaurant wurde als Lazarett und zur Herstellung von Armeekonserven genutzt. Erst zu Pfingsten Drache-vom-Grill / Wikimedia Commons 1920 öffnete der Lunapark wieder. Doch Nachkriegszeit und Inflation erschwerten den Neustart.

Anlagen verfielen, Betreiber und Eigentümer wechselten. Trotzdem blieb der Lunapark eine Berliner Bühne. Sportveranstaltungen lockten ein großes Publikum an. Am 24. August 1926 gewann der junge Max Schmeling hier gegen Max Diekmann den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht – nach nur 30 Sekunden durch K. o. Der spätere Weltmeister stand damals noch am Anfang seiner außergewöhnlichen Karriere. Für einen Abend wurde der Halensee zum Mittelpunkt der deutschen Boxwelt. Am 16. Mai 1927 eröffnete das große Wellenbad, damals die größte Schwimmhalle Europas. Künstliche Wellen vermittelten Großstadtmenschen das Gefühl eines Tages am Meer. Das Bad war Sportstätte, Schauplatz und Treffpunkt zugleich – auch hier ging es ums Sehen und Gesehenwerden. 1929 wurde der Park noch einmal neu eröffnet.
Doch die wirtschaftliche Lage war unsicher, die Konkurrenz groß und die Anlage teuer. 1930 diente der Lunapark als Kulisse für den Tonfilm Paul Kaufmann, Wilmersdorf-Berlin / Zeno.org Wer nimmt die Liebe ernst? mit Jenny Jugo und Max Hansen. Seine Szenen bewahren bewegte Bilder vieler Attraktionen, die bald verschwinden sollten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war für einen Ort wie den Lunapark kaum noch Platz. Die neuen Machthaber Unsere Superheld_innen für: deinen Haushalt dein Büro Treppenhäuser Menschen mit Pflegegrad still hete r f rien odly 030 28688440 queere-haushaltshilfe.berlin queere.haushaltshilfe Haushaltshilfe E. A. Schwerdtfeger & Co., Berlin / Zeno.org verachteten vieles, wofür das Vergnügungsleben der Weimarer Republik stand.

Zugleich war die Betreibergesellschaft wirtschaftlich am Ende. 1933 folgte der Konkurs, im Oktober 1934 musste der Park endgültig schließen. Die Nationalsozialisten bezeichneten ihn als „Schandfleck des Westens“. 1935 wurden die Anlagen abgerissen. Das Gelände erhielt eine vollkommen neue Funktion. Für die Olympischen Spiele 1936 sollte eine schnelle Verkehrsverbindung zu den Sportstätten im Westen entstehen. Ein Teil des früheren Parks wurde für den Bau der Halenseestraße genutzt, ein anderer später als Grünanlage gestaltet. Die Straße durchschnitt fortan das Areal, auf dem zuvor Karussells, Restaurants und das Wellenbad gestanden hatten. Aus einem Ort des scheinbar grenzenlosen Vergnügens wurde eine Verkehrsfläche. Heute erinnert vor Ort kaum etwas an den Lunapark. Der ehemalige Eingang lag am Kurfürstendamm 124a.
Wer dort oder auf dem Trabener Steg steht und auf die Halenseestraße blickt, sieht Autos, Asphalt und Brücken. Nur der See ist geblieben. Gerade deshalb wirken die alten Ansichtskarten so unwirklich. Sie zeigen Terrassen, Türme und Menschenmassen an einem Ort, den man heute kaum wiedererkennt. Der Lunapark war Berlins frühes Disneyland – und zugleich ein Spiegel seiner Zeit. Er erzählte von technischem Fortschritt und großstädtischer Lebenslust, von Geschäftssinn, sozialer Freiheit und dem Wunsch, für ein paar Stunden jemand anderes zu sein. Aber auch von kolonialer Überheblichkeit, öffentlichen Grenzüberschreitungen und einer Gesellschaft, die Menschen selbst zur Attraktion machte. Seine Geschichte ist deshalb mehr als eine nostalgische Erinnerung an Karussells und Feuerwerk.

Vielleicht liegt darin die größte Überraschung: Ausgerechnet einer der lautesten Orte Berlins ist nahezu spurlos verschwunden. Wo einst die Musik spielte und nachts der Himmel über dem Halensee leuchtete, hört man heute vor allem den Verkehr. Die Stadt hat den Lunapark nicht bewahrt. Doch seine Geschichte gehört zu Wilmersdorf – und unter der Halenseestraße liegt noch immer die Erinnerung an einen Ort, an dem Berlin glaubte, das Vergnügen neu erfunden zu haben. ■
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