Wenn Kay Clement Menschen anschaut, sieht er oft mehr als andere. Nicht nur Gesichtsformen oder Proportionen, sondern Wirkung, Haltung und manchmal auch Unsicherheit. Er erkennt, ob jemand sich hinter einer auffälligen Brille versteckt oder durch sie erst sichtbar wird. Vielleicht beschreiben viele Kundinnen und Kunden sein Geschäft im Bötzowviertel deshalb nicht einfach als Optikerladen, sondern als einen Ort, an dem man ernst genommen wird. Kay Clement verkauft keine Brillen von der Stange. Er begleitet Entscheidungen – und nimmt sich dafür Zeit. Zwei Stunden Beratung sind keine Seltenheit.
Denn wer mehrere hundert Euro für eine Brille ausgibt, soll am Ende nicht nur besser sehen, sondern sich auch mit sich selbst wohler fühlen. Deshalb sagt er offen, wenn eine Fassung nicht passt. Nicht verletzend, sondern mit der Ruhe eines Menschen, der Klarheit wichtiger findet als schnellen Verkauf. „Wir reden niemandem etwas schön“, sagt er. Eine Brille dürfe Charakter haben, erklärt er, aber sie solle den Menschen nicht überdecken. Wenn Formen jemanden härter wirken lassen oder modische Ideen mehr Verkleidung als Persönlichkeit erzeugen, spricht er das aus.
Vielleicht wirkt er deshalb auf manche zunächst reserviert. Er selbst sagt trocken, einige hielten ihn anfangs wohl für „blasiert“. Wer länger mit ihm spricht, erlebt jedoch einen humorvollen und warmherzigen Menschen, der seinen Beruf mit großer Leidenschaft ausübt. Zwischen Ostsee und Aufbruch Geboren wurde Kay Clement 1967 in Rostock. „Ich bin Fischkopf“, sagt er mit sichtbarem Vergnügen. Der Norden prägt ihn bis heute. Sein Großvater fuhr als Kapitän bei der Deutschen Seereederei Rostock zur See und war oft monatelang unterwegs.
Auch seine Mutter hatte einen ungewöhnlichen Beruf: Sie arbeitete als Fachübersetzerin für Fischereitechnik und übersetzte internationale Fachtexte unter anderem aus dem Russischen, Englischen und Schwedischen. Mitte der achtziger Jahre veränderte sich das Leben der Familie grundlegend. Seine Mutter hatte einen Studenten aus Sri Lanka kennengelernt, der in der DDR Schiffbau studierte. Nach zahlreichen Ausreiseanträgen durfte die Familie schließlich ausreisen. Ursprünglich sollte es nach Sri Lanka gehen, doch dort begann bereits der Bürgerkrieg. Stattdessen zog die Familie nach Kiel.
Kay Clement war damals zwölf Jahre alt. Der Westen war für ihn kein unbekanntes Fantasieland. Zu Hause lief regelmäßig Westfernsehen, die Grenze existierte für ihn längst nicht mehr nur politisch. Trotzdem war die Umstellung schwierig. In Kiel besuchte er das Gymnasium und merkte schnell, wie unterschiedlich die Schulsysteme funktionierten. Während in der DDR schriftliche Leistungen zählten, wurde im Westen mündliche Mitarbeit stärker bewertet. Nach der Schule wollte er etwas Praktisches machen. Im Berufsinformationszentrum fielen die Eignungstests auf zwei Berufe: Zahntechniker oder Augenoptiker.

Die Zahntechnik erwies sich als schwer zugänglich, also entschied er sich für die Augenoptik – auch inspiriert von einem Verwandten in Sri Lanka, der in diesem Bereich erfolgreich arbeitete. 1988 begann er seine Ausbildung bei Söhnges Optik in Berlin. Schnell merkte er, dass der Beruf zu ihm passte. Die Verbindung aus Präzision, Handwerk, Technik und direktem Kontakt mit Menschen entsprach seinem Wesen. Für ihn war die Brille nie bloß Sehhilfe, sondern immer auch Ausdruck von Persönlichkeit. Der Weg in die Selbstständigkeit Nach der Ausbildung arbeitete Kay Clement zunächst als Angestellter.
Ende der neunziger Jahre zog es ihn noch einmal nach Sri Lanka. Gemeinsam mit seinem Stiefvater und Silke Backhaus war er am Aufbau einer Ferienbungalowanlage beteiligt. Dort lernte er, Verantwortung zu übernehmen, pragmatisch zu improvisieren und Entscheidungen zu treffen. Zurück in Berlin wuchs langsam die Idee eines eigenen Geschäfts. Der entscheidende Impuls kam schließlich aus der Familie. Unterstützung erhielt er ebenfalls: Ein angeheirateter Onkel lieh ihm 40.000 Euro Startkapital, seine Tante übernahm die Bürgschaft für die Ladenmiete. 2006 unterschrieb Kay Clement den Mietvertrag im Bötzowviertel.
Das Quartier war damals im Wandel: sanierte Häuser, junge Familien, neue Cafés und zugleich genug Nachbarschaft, um Stammkundschaft aufzubauen. Gemeinsam mit Silke Backhaus entstand das Geschäft weitgehend in Eigenarbeit. Es wurde gefliest, geschraubt, verkabelt und gebaut. „Ich kann von allem etwas“, sagt er. Selbst der erste Werbeflyer war ungewöhnlich: in Form einer Brille ausgeschnitten und tausendfach im Viertel verteilt. Die Aktion funktionierte. Die Menschen blieben stehen, wurden neugierig und kamen vorbei. Heute ist Brillen in Berlin längst eine feste Größe im Kiez.
Einige Mitarbeitenden arbeiten seit den Anfangsjahren dort, viele Kundinnen und Kunden ebenfalls. Manche Kinder, die früher mit ihren Eltern zur ersten Brille kamen, sitzen inzwischen selbst im Beratungsstuhl. Mehr als Verkauf Kay Clement interessiert sich nicht nur für Produkte, sondern für Entwicklungen. Besonders intensiv beschäftigt sich das Team mit dem sogenannten Myopie-Management. Ziel ist es, zunehmende Kurzsichtigkeit bei Kindern möglichst früh zu verlangsamen. Moderne Spezialgläser, Kontaktlinsen und neue Messmethoden eröffnen heute Möglichkeiten, die es vor wenigen Jahren noch kaum gab.

Für ihn ist das keine technische Spielerei, sondern gehört zur Verantwortung, die sein Job mit sich bringt. Wenn Eltern mit ihren Kindern kommen, geht es nicht nur um die aktuelle Sehschwäche. Entscheidend ist auch die Frage, wie sich das Auge entwickelt und welche Belastungen im Alltag entstehen. Gleichzeitig hat sich die Branche stark verändert. Sonnenbrillen werden online bestellt und zu Hause anprobiert. Früher verkaufte das Geschäft mehrere hundert Sonnenbrillen im Jahr, heute deutlich weniger. Doch Kay Clement versucht nicht, mit dem Internet über Lautstärke zu konkurrieren.
Sein Geschäft lebt von etwas anderem: nämlich von Vertrauen und Persönlichkeit. Die Kundschaft merkt, dass er sich wirklich interessiert. Manchmal empfiehlt er sogar andere Geschäfte, wenn er selbst nicht helfen kann. Dann wird recherchiert, telefoniert und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Das kostet zwar Zeit, genau das macht für ihn aber den Unterschied. Zwischen Laden und Lübars Die Arbeitstage sind lang. Seit montags geschlossen ist, konzentriert sich vieles auf die übrigen Werktage. Mit seiner Familie lebt Kay Clement inzwischen in Lübars am Berliner Stadtrand, zwischen Pferdehöfen, Gärten und viel Grün.
Dort findet er Abstand zum Arbeitsalltag. Morgens sitzt er manchmal mit einem Buch im Wohnzimmer, während das Haus noch schläft. Er liest Krimis und Biografien, fährt virtuelle Autorennen auf der Konsole und trinkt am liebsten schwarzen Ceylon-Tee – ein stilles Erbe seiner Verbindung zu Sri Lanka. Große Hobbys habe er eigentlich nicht, sagt er. Vielleicht, weil der Beruf längst Berufung ist und damit so viel mehr als nur Arbeit. Das zeigt sich in Geschichten wie jener vom FKKStrand in Graal-Müritz.
Seine Tante und sein Onkel hatten ihn eingeladen, irgendwann fiel scherzhaft der Satz: „Bring doch mal Sonnenbrillen mit.“ Also packte Kay Clement kurzerhand zwanzig Modelle ein und beriet zwischen Badetüchern und Ostseesand Badegäste bei der Auswahl. Später überwiesen die Leute tatsächlich das Geld. Die Szene wirkt skurril, erzählt aber viel über ihn. Kay Clement trennt Beruf und Leben nicht streng voneinander. Nicht aus Arbeitswut, sondern weil ihn Menschen interessieren: Gesichter, Ausstrahlung und die Wirkung einer passenden Brille. „Ich bin Optiker mit ganzem Herzen und ganzer Seele“, sagt er.
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