An manchen Wochenenden roch der U-Bahnhof Bülowstraße gleichzeitig nach schwarzem Tee, Parfüm, Zigaretten und frischem Fladenbrot. Männer schleppten Videorekorderkartons über den Bahnsteig, Kinder drückten sich vor GoldschmuckAuslagen die Nasen platt, aus kleinen Kassettenläden drang türkische Popmusik. Dazwischen klapperten Teegläser, Händler diskutierten lautstark über Preise, irgendwo lief ein Fernseher. Und über allem lag das metallische Knarzen der stillgelegten Hochbahn.
Wo heute die U2 hält, befand sich in den 1980er-Jahren einer der ungewöhnlichsten Orte Westberlins: der Türkische Basar im U-Bahnhof Bülowstraße. „Wenn wir Sehnsucht nach unserer Heimat hatten, gingen wir zur Bülowstraße“, erinnert sich eine Berlinerin türkischer Herkunft viele Jahre später. Für sie sei der Basar als Kind „eine magische Welt“ gewesen. Eine Welt aus Goldarmreifen, Hochzeitskleidern, Süßigkeiten, Musik und Stimmengewirr. Tatsächlich war der Basar weit mehr als ein Einkaufsort. Für viele Menschen wurde er Wohnzimmer, Treffpunkt, Unterhaltungszentrum und ein Stück Heimat zugleich.
Die Geschichte begann mit der Teilung Berlins. Nach dem Mauerbau 1961 verlor Westberlin nicht nur seine direkte Verbindung in den Osten, sondern auch Tausende Arbeitskräfte. In den folgenden Jahren kamen sogenannte Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Jugoslawien und vor allem aus der Türkei in die Stadt. Viele arbeiteten in Fabriken oder am Fließband – oft körperlich hart, oft schlecht bezahlt. Gleichzeitig wurde auch die U-Bahn selbst zum Opfer der Teilung. Die heutige U2 verlor an Bedeutung, weil Teile der Strecke durch Ostberlin verliefen. Die Fahrgastzahlen sanken drastisch.

1972 stellte die BVG den Verkehr zwischen Wittenbergplatz und Gleisdreieck ein. Die Bahnhöfe Nollendorfplatz und Bülowstraße lagen plötzlich still. Ein leerer Bahnhof mitten in Schöneberg – in Berlin war das selten lange nur ein leerer Bahnhof. Zunächst entstanden dort Jahrmarktideen und Zwischennutzungen. Doch erst ein türkischer Unternehmer machte daraus etwas, das wirklich funktionierte. Der Schauspieler und Geschäftsmann Atalay Özçakir hatte die Idee, auf den stillgelegten Gleisen einen Basar zu errichten – ein deutschtürkisches Kommunikationszentrum, wie er es nannte. 1980 eröffnete der Türkische Basar.
Die Eröffnung war groß inszeniert. Eine türkische Militärkapelle marschierte damals vom Kurfürstendamm zur Bülowstraße. Musiker in Uniformen, Trompeten, rote und blaue Gewänder – mitten durch Westberlin. Fernsehteams beobachteten das Spektakel skeptisch. Zu teuer, zu künstlich, zu exotisch, hieß es damals in Fernsehberichten. Doch der Bahnhof traf einen Nerv. Schon bald reihten sich auf den überbauten Gleisen kleine Geschäfte aneinander. Händler aus Ankara und Istanbul verkauften Lederjacken, Teppiche, Küchengeräte, Schmuck, Kaffeekannen, Hochzeitskleider und Musikkassetten.

Es gab Spielautomaten, Billardtische, einen Imbiss, ein Restaurant, Reisebüros und kleine Teestuben. „Da habe ich jeden Tag nach der Schule Brot geholt“, erinnert sich die Schönebergerin Nurten Hirik, die ganz in der Nähe aufwuchs. „Die Leute haben dort über alles geredet: Arbeit, Familie, Wohnungen, wo man halal einkaufen kann. Es war ein Ort der Gemeinsamkeit.“ Gerade die kleinen Alltagsgeschichten machten den Bahnhof besonders. Kinder liefen zwischen den Geschäften umher, Familien trafen sich am Wochenende, Männer diskutierten bei Tee über Autos, Fabrikarbeit oder die nächste Reise in die Türkei.
Viele sparten damals noch auf die Rückkehr in die alte Heimat – andere merkten langsam, dass Berlin längst ihr Zuhause geworden war. Pures Leben am Türkischen Basar Besonders beliebt waren die Videound Kassettenläden. Im deutschen Fernsehen gab es damals kaum türkischsprachige Sendungen. Wer Filme aus der Türkei sehen wollte, kam zur Bülowstraße. Viele Familien liehen am Wochenende gleich mehrere Videokassetten aus. Zu Hause wurden dann Filme geschaut, es wurde gegessen und diskutiert, bis tief in die Nacht. „Zwischen den Filmen mussten die Geräte erst einmal abkühlen“, erinnert sich eine Besucherin lachend.

Währenddessen hätten die Erwachsenen geredet, Tee getrunken oder über Szenen aus den Filmen gestritten. Noch legendärer als die Videoläden war allerdings das Gazino am Ende des Bahnsteigs. Das Musiklokal wurde zum Herzstück des Basars. Hier traten türkische Sänger und Musiker auf, hier wurde getanzt, gefeiert und manchmal bis in die Morgenstunden gesungen. Für viele war das Gazino die lauteste, lebendigste Ecke des stillgelegten Bahnhofs. An manchen Abenden standen bekannte Künstler aus der Türkei auf der Bühne. Familien kamen geschniegelt mit Kindern und Verwandten, Frauen trugen festliche Kleider, Männer Anzüge.
Nicht selten schliefen die Kinder später auf zusammengeschobenen Stühlen ein, während die Erwachsenen noch tanzten oder diskutierten. Die Musik handelte oft von Sehnsucht, Fremde und Heimweh. Gefühle, die viele Besuchende nur zu gut kannten. „Nicht ich bin in der Fremde“, sang damals ein Musiker im Gazino, „die Fremde ist in mir.“ Denn einfach war das Leben vieler Gastarbeiterfamilien nicht. Diskriminierung gehörte für viele zum Alltag – am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder in der Schule. Gleichzeitig entstand rund um den Basar eine eigene Gemeinschaft.

Hier musste niemand erklären, woher er kam oder warum er bestimmte Dinge vermisste. Vielleicht funktionierte der Basar gerade deshalb so gut: Er war nicht nostalgisch. Er war praktisch. Man konnte dort einkaufen, essen, feiern, Musik hören, Filme ausleihen, Leute treffen oder einfach nur ein paar Stunden vergessen, dass man sich zwischen zwei Welten bewegte. Das Aus für den Basar Mit dem Fall der Berliner Mauer änderte sich erneut alles. Die stillgelegte U2 sollte wieder Ost und West verbinden. Was für Berlin ein historischer Glücksfall war, bedeutete für den Basar das Ende. Die Gleise wurden wieder gebraucht.
1993 fuhren die Züge zurück an die Bülowstraße. Die Musik verschwand. Die Videoläden verschwanden auch. Wo früher Familien Kassetten ausliehen und Sänger bis tief in die Nacht auftraten, stehen heute Menschen mit Kopfhörern auf dem Bahnsteig und warten auf die nächste U2. Viel geblieben ist nicht. Einige Fotos, Erinnerungen, Geschichten. Und das Wissen, dass sich über den Straßen Schönebergs einmal ein Ort befand, den es nur im damaligen Berlin geben konnte.
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