Wer heute durch den Volkspark Wilmersdorf spaziert, ahnt kaum, dass hier einmal Boote über das Wasser glitten. Wo heute Fußball gespielt, Basketball geworfen und gejoggt wird, lag einst ein See. Ein echter See. Mit Fischern, Schilf, Ausflugslokalen, verliebten Paaren im Ruderboot – und einem Tanzpalast, der zeitweise halb Berlin anzog. Der Wilmersdorfer See ist verschwunden. Zugeschüttet, überbaut, vergessen. Und doch liegt seine Geschichte bis heute unter den Wegen, Wiesen und Sportplätzen verborgen wie eine zweite Landschaft unter der Stadt.
Nahe der Wilhelmsaue, dem alten Dorfkern von Alt-Wilmersdorf, breitete sich jahrhundertelang ein sumpfiges Gewässer aus, das Teil einer eiszeitlichen Niederung war. Der See gehörte zu einer Nebenrinne der Grunewaldseenkette und wurde vom Schwarzen Graben gespeist, einem natürlichen Wasserlauf, der weitere kleine Seen und Tümpel miteinander verband. Lange bevor Berlin zur Millionenmetropole wurde, lebten die Menschen hier vom Fischfang und von der Landwirtschaft. Enten schwammen auf dem Wasser, Schafe weideten auf feuchten Wiesen, und die Bauernhöfe gruppierten sich rund um die heutige Wilhelmsaue.
Die erste urkundliche Erwähnung Wilmersdorfs stammt aus dem Jahr 1293. Damals gehörte das Dorf der Adelsfamilie von Wilmersdorff, deren Name sich bis heute erhalten hat. Die Siedler, die hier im Zuge des mittelalterlichen Landesausbaus ankamen, stammten aus verschiedenen Regionen des damaligen Reiches – aus Schwaben, Westfalen, Thüringen oder Flandern. Dass ausgerechnet hier einmal eine der begehrtesten Wohnlagen Berlins entstehen würde, hätte damals wohl niemand geahnt. Über Jahrhunderte blieb Wilmersdorf ein märkisches Dorf vor den Toren Berlins. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert grundlegend.
Mit der Industrialisierung explodierte die Einwohnerzahl der Hauptstadt. Zwischen 1861 und 1910 vervierfachte sich die Bevölkerung Berlins von rund 500 000 auf zwei Millionen Menschen. Die Stadt wuchs in alle Richtungen – und wohlhabende Berlinerinnen und Berline begannen, nach ruhigeren Wohnlagen außerhalb des Zentrums zu suchen. Wilmersdorf rückt in den Fokus Bodenspekulanten, Bauunternehmer und Eisenbahngesellschaften kauften riesige Flächen auf. Die Bauern, deren Familien jahrhundertelang vom Ackerbau gelebt hatten, wurden über Nacht reich. Sie gingen als Millionenbauern in die Berliner Geschichte ein.
Namen wie Blisse, Mehlitz oder Gieseler finden sich bis heute auf Straßenschildern im Bezirk wieder. Einer dieser Millionenbauern war die Familie Schramm. Genauer gesagt: Otto Schramm. Der Sohn eines Wilmersdorfer Großbauern besaß früh ein Gespür dafür, wonach sich die Berliner sehnten: Unterhaltung, Natur und ein bisschen Luxus vor der Stadt. 1879 kaufte er am Südufer des Wilmersdorfer Sees ein großes Grundstück und eröffnete dort eine Badeanstalt mit Kaffeegarten. Was zunächst beschaulich begann, entwickelte sich rasch zu einer Sensation. Aus dem Kaffeegarten wurde ein Tanzpalast.

Aus dem Dorf Wilmersdorf wurde plötzlich ein Ausflugsziel. Und aus dem märkischen Gewässer ein mondänes Seebad Wilmersdorf. An Sommerabenden strömten die Berlinerinnen und Berliner hinaus vor die Stadt. Pferdekutschen rollten an, Kapellen spielten auf, Lampions leuchteten zwischen den Bäumen. Im Biergarten wurde getanzt, gelacht und geflirtet. Wer etwas auf sich hielt, fuhr „bei Schramm“ hinaus. „Karlineken, wat meenste, morjen jehn wa bei Schramm, een danzen“, hieß es damals in Berlin. Die Vergnügungsstätte war legendär.
Otto Schramm ließ Stallungen für Pferde errichten, Unterstände für Kutschen bauen und einen gepflegten Park anlegen. Kapellen der Garderegimenter spielten zum Tanz auf, später gab es sogar Feuerwerke über dem Wasser. Verliebte Paare ruderten im Mondschein über den See. Manche verarmte Adelige hofften hier auf eine reiche Heirat mit einer Dorfschönen aus den mittlerweile wohlhabenden Wilmersdorfer Bauernfamilien. Der Schriftsteller Max Kretzer setzte dieser Zeit 1891 in seinem Roman Der Millionenbauer ein literarisches Denkmal.
Darin beschreibt er Wilmersdorf als märkische Idylle im Übergang zur Großstadt – mit Badeanstalt, Sommergästen und jener besonderen Mischung aus Dorf und mondänem Vergnügen. Doch die goldenen Jahre hielten nicht lange. Berlin wächst, der See stirbt Je näher Berlin rückte, desto mehr verlor Wilmersdorf seinen ländlichen Charakter. Aus Landhäusern wurden Mietskasernen, aus Feldwegen breite Straßen. Die Einwohnerzahl schnellte innerhalb weniger Jahrzehnte von rund 5000 auf über 100 000 Menschen hoch. 1906 erhielt Deutsch-Wilmersdorf sogar Stadtrecht. Und der See? Der begann zu sterben.
Das Problem war nicht nur die zunehmende Bebauung. Große Teile Wilmersdorfs bestanden ursprünglich aus sumpfigem Gelände. Um Straßen bauen und Häuser errichten zu können, musste das Gebiet trockengelegt werden. Im Zuge des berühmten Hobrecht-Plans entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein modernes Kanalisationssystem. Entwässerungsgräben wurden angelegt oder zugeschüttet. Der Schwarze Graben, der natürliche Zufluss des Wilmersdorfer Sees, verschwand 1887. Danach sank der Wasserspiegel. Der See verlandete zunehmend. Hinzu kamen Müll und Abwässer.
Die Wilmersdorfer entsorgten ihren Unrat im Wasser, der Gestank nahm zu. Der einst romantische Ausflugsort verlor seinen Zauber. Gleichzeitig eröffnete 1904 am Halensee eine neue Konkurrenz: die Terrassen am Halensee, aus denen später der berühmte Lunapark hervorging – damals einer der spektakulärsten Vergnügungsparks Europas. Gegen diese neue Welt aus Lichterglanz und Sensationen wirkte das alte Seebad plötzlich provinziell. Otto Schramm selbst erlebte diesen Niedergang nicht mehr. Er starb bereits 1902 im Alter von nur 54 Jahren. Ab 1915 begann schließlich die Zuschüttung des Wilmersdorfer Sees.

Um 1920 war er endgültig verschwunden. Dort, wo einst Wasser glitzerte, entstand später der Volkspark Wilmersdorf. Die ehemalige Seenfläche wurde zu Sportund Freizeitflächen umgestaltet. Auf dem Gelände von Schramms Tanzpalast errichtete man zwischen 1925 und 1928 den sogenannten Schrammblock – eine monumentale Wohnanlage des Architekten Jürgen Bachmann mit expressionistischen Anklängen, riesigen Innenhöfen und einer der ersten unterirdischen Großgaragen Berlins. Noch heute prägt der Schrammblock das Viertel.
Viele ältere Wilmersdorfer erinnern sich an den düsteren, fast morbiden Charme des Gebäudes, bevor es in den 2000er-Jahren umfassend saniert wurde. Manche erzählen, dass sich nach schneereichen Wintern auf den Wiesen des Volksparks manchmal wieder Wasser sammelte – kleine Pfützen und Tümpel, als wolle sich der verschwundene See kurz zurückmelden. Tatsächlich erinnert die Landschaft bis heute an ihre Vergangenheit. Der gesamte Grünzug vom Rudolph-Wilde-Park über den Fennsee bis zum Volkspark Wilmersdorf folgt jener alten sumpfigen Niederung, die einst von Wasserläufen und Seen geprägt war.
Berlin hat diese Landschaft nicht ausgelöscht – nur überformt. Wer aufmerksam durch Wilmersdorf geht, entdeckt überall Spuren dieser Geschichte. Die Wilhelmsaue erinnert noch immer an das alte Dorf. Das Schoeler-Schlösschen erzählt vom ländlichen Wilmersdorf des 18. Jahrhunderts. Straßennamen wie Blissestraße oder Mehlitzstraße verweisen auf die Millionenbauern der Gründerzeit. Und mitten im Volkspark liegt, unsichtbar unter Rasen und Sportplätzen, der alte See. Das gehört doch zum Faszinierenden an Berlin: Die Stadt verschwindet nie ganz. Unter Asphalt und Häusern liegen frühere Landschaften verborgen.
Manchmal reicht ein Spaziergang, um ihnen wieder näherzukommen. Und vielleicht hört man mit etwas Fantasie an einem Sommerabend noch ein fernes Echo vom alten Tanzpalast am See. „Karlineken, wat meenste … morjen jehn wa bei Schramm, een danzen?“
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