Manche Geschäfte betritt man nicht nur, weil man etwas braucht. Man betritt sie, weil dort jemand ist, der genauer hinschaut. Und zwar mit einem Blick, der über Jahrzehnte geschult wurde – an Gesichtern, an Menschen, an kleinen Bewegungen, an Unsicherheiten und Wünschen. Bei Angela Meyer in der Goltzstraße ist das so. Seit 1992 führt sie dort ihr Optikgeschäft. 34 Jahre sind das inzwischen. Eine Zeitspanne, in der Kieze ihr Gesicht verändern, Läden kommen und gehen, Moden auftauchen und verschwinden, Kundinnen und Kunden älter werden und Stammkunden zu vertrauten Gesichtern werden.

Angela Meyer hat all das miterlebt und ist geblieben. „Ich glaube, dass ich ehrlich bin“, sagt sie, wenn man sie fragt, was Menschen an ihr schätzen. Dabei ist Ehrlichkeit für sie ein Arbeitsprinzip: Wenn jemandem eine Brille nicht steht, teilt sie ihre Einschätzung offen. „So kannst du nicht rausgehen mit der Brille“, kommt ihr schon mal über die Lippen. Denn eine Brille sei eben nicht irgendein Gegenstand, den man morgens aufsetzt und abends wieder ablegt. Sie sitzt mitten im Gesicht. Sie verändert, wie ein Mensch gesehen wird – und manchmal auch, wie er sich selbst sieht.

Laut Angela Meyer darf eine Brille keine Prothese sein. Gemeint ist damit: Sie soll nicht wie ein Fremdkörper wirken. Nicht wie etwas, das man tragen muss, sondern wie etwas, das man tragen möchte. Und wie etwas, das zu einem Menschen gehört, zu seinem Gesicht, seinem Ausdruck, seiner Art. Das gilt genauso bei starken Gläsern, schwierigen Werten oder besonderen Anforderungen. Angela Meyer verlässt sich dabei weniger auf große Technik als auf Erfahrung, ihr geschultes Auge und ihre Menschenkenntnis. Und auf ein bemerkenswertes Gedächtnis.

Präzision gehört zum Handwerk.
Präzision gehört zum Handwerk.

Denn sie erinnert sich an Gespräche, die zehn oder zwanzig Jahre zurückliegen. Wenn jemand nach langer Zeit wieder in den Laden kommt, laufe oft sofort „ein Film im Kopf ab“, erzählt sie. Das ist eine besondere Art der Kundenbeziehung. Wurzeln und Werdegang Geboren wurde Angela Meyer 1947 als Bauerntochter in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Anfang der 1950er-Jahre kam die Familie in den Westen. Die Eltern mussten nehmen, was Arbeit brachte. So arbeitete die Mutter im Akkord in einer Fabrik, der Vater machte alles, womit sich Geld verdienen ließ.

Angela Meyer war Flüchtlingskind: nicht selbstverständlich dabei, nicht überall willkommen. „Das hat mich sehr geprägt“, blickt sie zurück. Sie suchte damals oft Zuflucht in Büchern und las alles, was sie finden konnte – erst Abenteuerbücher, später vor allem Geschichten über indigene Kulturen Nordamerikas, Bücher über Geschichte, Archäologie und die Frage, wie Menschen früher gelebt haben. Dieses Interesse an Menschen und daran, wie Gesellschaften funktionieren, ist bis heute geblieben. Mit Trends kann sie wenig anfangen. Wenn „alle schreien: Das ist gut“, werde sie eher skeptisch.

Vermessung und Beratung gehen Hand in Hand.
Vermessung und Beratung gehen Hand in Hand.

Sie mag das Eigenständige, das Gewachsene, das nicht komplett Durchgestylte. Das gilt für Menschen ebenso wie für Brillen. Optikerin wurde sie eher zufällig. Sie wusste zunächst gar nicht genau, was sie beruflich machen wollte. Sie hätte gern Abitur gemacht, doch dafür fehlten damals die Möglichkeiten. Also ging sie, wie man es früher machte, persönlich in Geschäfte und fragte nach einer Lehrstelle. Die Geschichte ihrer ersten Bewerbung wirkt heute fast unwirklich. Der Optiker fragte nicht nach Zeugnissen. Stattdessen wollte er wissen, welches Sternzeichen sie habe und wann genau sie geboren sei.

Eine Woche später sagte er ihr: „Ich habe dein Horoskop gemacht. Es ist das Beste, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Und du hast auch keinen feuchten Händedruck. Du kannst anfangen.“ Angela Meyer erzählt das vollkommen nüchtern. Und irgendwie passt die Geschichte zu ihr, eigenwillig und menschlich. Die Ausbildung war gut, der Betrieb nahm sie ernst. Später arbeitete sie in Karlsruhe. In einem Geschäft hielt sie es allerdings nur zwei Wochen aus. Die Chefin wollte ihr während eines Beratungsgesprächs vorschreiben, welche Brille sie einem Kunden empfehlen solle. Angela Meyer widersprach.

Eine Brille sitzt mitten im Gesicht.
Eine Brille sitzt mitten im Gesicht.

Kurz darauf packte sie ihre Sachen und kündigte. „Es ist nicht unbedingt schlecht, wenn Angestellte eine andere Meinung haben dürfen als die Chefs“, sagte sie damals noch – und ging. Diese Konsequenz zieht sich bis heute durch ihr Leben. Angela Meyer sagt selbst, Diplomatie falle ihr schwer. Um den heißen Brei herumreden könne sie nicht. Manche hielten sie deshalb vielleicht für arrogant oder distanziert. Doch wer länger mit ihr spricht, merkt: Hinter der Direktheit steckt keine Härte, sondern Ernsthaftigkeit. Sie will Dinge richtig machen. 1972 kam sie nach Berlin.

Schon als Kind wusste sie: Irgendwann will ich dorthin. Warum genau, kann sie bis heute nicht erklären. Es war eher ein inneres Gefühl. In Berlin machte sie ihren staatlichen Abschluss und später den Meistertitel. Zunächst wohnte sie im Wedding, später in Tegel und Moabit. Am Anfang empfand sie die Stadt als schwierig. Sie fühlte sich allein, fremd und verloren. Erst nach einem halben Jahr, sagt sie, sei „ein Knoten geplatzt“. Sie ging mehr hinaus, entdeckte die Stadt für sich – und Berlin wurde ihr Zuhause. Die Goltzstraße kam später.

Handwerkliche Arbeit im Geschäft.
Handwerkliche Arbeit im Geschäft.

Sie saß damals mit einem Freund in einem italienischen Restaurant an der Ecke Grunewaldstraße und Goltzstraße, schaute aus dem Fenster auf das Straßenschild und sagte plötzlich: „Ich möchte irgendwann mal einen Laden mit dieser Adresse haben.“ Es war noch kein Plan, eher ein Satz, der in der Luft hängen blieb. Aus Traum wurde Realität Jahre später fiel ihr zufällig eine Zeitung mit Immobilienanzeigen in die Hände. Ihr Blick blieb an einem Angebot hängen: Laden in der Goltzstraße. Wenige Tage später unterschrieb sie den Mietvertrag. Am 1. April 1992 eröffnete Angela Meyer ihr Geschäft. Der Start war schwierig.

Der Laden musste komplett renoviert werden. Kurz darauf stürzte sie schwer und erlitt mehrere Wirbelbrüche. Es folgten Monate voller Schmerzen, ein Leben auf der Baustelle, begleitet von Unsicherheit. Dass sie trotzdem weitermachte, lag auch an Menschen, die sie unterstützten. Besonders erinnert sie sich an ihren damaligen palästinensischen Auszubildenden, der ihr in dieser Zeit sehr geholfen und viel Kraft gegeben hat. Heute blickt sie mit Stolz auf mehr als drei Jahrzehnte in der Goltzstraße zurück. Und das zu Recht, denn unabhängige Fachgeschäfte wie ihres werden seltener.

Persönliche Beratung in der Goltzstraße.
Persönliche Beratung in der Goltzstraße.

Angela Meyer versucht gar nicht erst, mit großen Ketten mitzuhalten, die zunehmend auftauchen. Das wäre auch nicht ihre Welt. Sie kauft bewusst Fassungen ein, die nicht überall liegen. Stattdessen sucht sie kleine Besonderheiten, ungewöhnliche Formen und Brillengestelle mit Charakter. „Kein Mensch muss wegen einer Ray-Ban® extra zu mir kommen“, sagt sie trocken. Genau wegen ihrer Herangehensweise, ihrer Art und persönlichen Beratung kommen viele Kundinnen und Kunden seit Jahren oder Jahrzehnten zu ihr.

Der Unterschied ist, dass Angela Meyer das fertige Ergebnis mitdenkt – gerade bei hohen Dioptrien oder komplexen Messwerten. „Die Kunden wissen oft nicht, wie die Brille hinterher aussieht. Ich aber schon“, beschreibt sie ihren Blickwinkel. Dabei hilft auch die Werkstatt im Laden, die für sie bis heute wichtig ist. Viele Optiker arbeiten längst fast nur noch digital und lassen vieles extern erledigen. Angela Meyer und ihre Mitarbeiterinnen arbeiten noch selbst an den Brillen. Für sie gehört das Handwerk dazu. Der Beruf habe sich verändert, sagt sie. Vieles laufe heute über Computer und Programme.

Goltz Optick in Schöneberg.
Goltz Optick in Schöneberg.

Aber ihr Zugang sei immer ein anderer gewesen: beobachten, verstehen, anpassen. Sie möchte das Persönliche erhalten. Gerade deshalb freut sie sich auch über ihre neue Mitarbeiterin aus Indien, die erst seit kurzer Zeit in Berlin lebt. Angela Meyer möchte ihr helfen, hier anzukommen und Fuß zu fassen. Denn sie weiß selbst, wie es ist, neu in einer Stadt zu sein. Und sie weiß, wie wichtig Orte sind, an denen man bleiben kann. Die charaktervolle Goltzstraße gehört für sie genau dazu. Noch immer gibt es dort viele kleine Geschäfte, inhabergeführte Läden, gewachsene Strukturen.

Sie hofft, dass die Straße sich trotz der Ketten ihre Eigenheit bewahrt. Schöneberg liebt sie wegen seiner Berliner Mischung aus Großstadt und Nachbarschaft: Menschen unterschiedlichster Generationen, Herkünfte und Lebensweisen. „Ich finde den Bezirk irgendwie liebevoll“, sagt sie. Das ist vielleicht die schönste Beschreibung für diesen lebendigen und menschlich-offenen Kiez.