Es gibt vermutlich einfachere Möglichkeiten, eine Bratpfanne zu kaufen. Man kann ins Kaufhaus gehen, im Internet Sterne zählen oder sich für jene entscheiden, die gerade um 43 Prozent reduziert ist. Man kann aber auch zu Andreas Langholz gehen. Dann dauert es möglicherweise etwas länger, dafür weiß man hinterher ziemlich genau, warum man mit welcher Pfanne wieder nach Hause geht.

Seit 26 Jahren betreibt Andreas Langholz Colecomp am Kollwitzplatz. Bei ihm kaufen Spitzenköche, Gastronomen, Hotels und natürlich die Menschen aus dem Kiez. Ob jemand eine professionelle Küche führt oder zu Hause zwei Herdplatten besitzt, ist dabei von überschaubarer Bedeutung. Gute Ware bleibt gute Ware. Und wenn das günstigere Produkt das bessere ist, bekommt der Kunde eben das günstigere. So einfach kann Einzelhandel sein. Es hilft allerdings, wenn man weiß, wovon man spricht. Andreas Langholz weiß es. Er kennt Materialien und Hersteller, weiß, welche Marke hält, was sie verspricht – und bei welcher der Name aus besseren Zeiten übrig geblieben ist. Colecomp lässt eigene Messer fertigen und sucht mitunter jahrelang nach einem Hersteller, der etwas genau so produziert, wie der Inhaber es haben möchte. Dazu gibt es eigene Fibeln über Pfannen, Brotbacken und andere Küchenthemen: kleine

Bücher, geschrieben, gestaltet, gedruckt. Andere verkaufen eine Pfanne. Andreas Langholz verkauft vorsichtshalber noch das Wissen dazu. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, hätte dieser Mann seinen ersten Küchenladen nicht eröffnet, ohne kochen zu können. „Ich wusste nicht mal, wie man ein Ei brät.“ Manchmal sind Karrieren sorgfältig geplant. Diese gehörte nicht dazu.

Ein ungewöhnlicher Blickfang: der Pfannenbaum.
Ein ungewöhnlicher Blickfang: der Pfannenbaum.

Vom Crêpes-Stand zum Küchenladen Andreas Langholz, Jahrgang 1960, wuchs in Timmendorfer Strand auf. Mit 15 übernahm er an der Promenade einen Crêpes- Stand und verkaufte dort mehrere Sommer lang bis zum Abitur. Das Verkaufen habe ihm niemand beigebracht. „Da kommt man rein.“ Nach der Schule fuhr er mit einem Freund von Alaska bis Feuerland. Zurück kamen beide mit reichlich Erlebnissen, aber ohne Geld: „Wir waren komplett pleite, hatten sogar Miese.“ Andreas Langholz gravierte wieder Gläser und traf unterwegs in München einen Bekannten, der in Berlin Kommunikationswissenschaften studierte. Das klang interessanter als Hamburg und BWL.

Also landete er in Berlin, das er noch neun Jahre lang mit Mauer erlebte. Kochen war weiterhin nicht sein Thema. Während Alfred Biolek im Fernsehen Deutschland ans Risotto führte, las sein Freund Uli Bohling Wolfram Siebeck und suchte eines Tages einen Trüffelhobel. In Berlin war der erstaunlich schwer aufzutreiben. Andreas interessierte weniger der Trüffel als die Lücke. Bei einem Bier sagte er: „So Uli, jetzt schreibst du mal hin, wie der perfekte Küchenladen aussehen muss.“ Sie hatten weder einen Laden noch die Absicht, einen zu eröffnen. Trotzdem hatten sie am Ende des Abends ein Konzept. Ein erfahrener Küchenhändler schaute es sich an und befand es für gut.

Kurz darauf stand in Andreas’ Nachbarschaft ein großer Laden leer. Die Miete war zu hoch, Andreas nannte einen Preis, den er akzeptabel fand – und bekam die Ladenfläche. Damit hatte er plötzlich einen Küchenladen. Im Frühjahr 1995 ging es mit Uli auf die Frankfurter Messe. Bei Rösle zeigte Andreas

Geschichten, Musik und gute Küche gehören für Langholz zusammen.
Geschichten, Musik und gute Küche gehören für Langholz zusammen.

Langholz dem damaligen Geschäftsführer sein Konzept und bekam Kontakte, Empfehlungen und Fachbücher. „Ich hatte schon richtig Bock auf das Thema. Aber immer noch keine Ahnung.“

Lernen im laufenden Betrieb Am 30. November 1995 wurde der Laden schließlich eröffnet. Andreas Langholz hatte 21 Mitgesellschafter und ließ reichlich Einladungskarten verteilen. Der Laden sollte so voll sein, „wie man noch nie einen Laden gesehen hat“. Es gelang ihm. Unter den Gästen war Joachim Trinkner vom SFB. Wenige Tage später lief zur besten Sendezeit ein Fernsehbeitrag über das neue Geschäft. „Das Weihnachtsgeschäft war danach gesichert“, so der Küchenladenchef. Das Wissen kam mit den Kunden, Andreas Langholz nennt es Lernen „am offenen Herzen“. Und natürlich ging auch etwas schief.

Auf einer Messe hatte er die Welt des feinen Porzellans entdeckt und richtete begeistert einen eigenen Raum mit großen Namen und alten Dekoren ein. Die Kunden fanden ihn ausgesprochen interessant. Das war leider auch schon fast alles, was sie damit machten. Eine Suppentasse kostete 70 Mark, die Untertasse weitere 29. Nach drei Monaten war Andreas ausreichend gebildet. „Mein Papi hat mir beigebracht: Der erste Verlust ist immer der geringste.“ Der Raum verschwand, ein Teil der Restbestände endete als Poltergeschirr. Heute weiß Andreas Langholz ziemlich genau, was er verkaufen will – und vor allem, was nicht. Das Sortiment von Colecomp ist groß, aber nicht beliebig.

Colecomp ist Küchenladen und Kiezinstitution zugleich.
Colecomp ist Küchenladen und Kiezinstitution zugleich.

Beschichtete Pfannen will er nicht, Elektrogeräte nur eingeschränkt, Plastik möglichst wenig. „Es gibt genug Ware auf der Welt.“ Wer alles bestelle, habe irgendwann zwar sehr viel Ware, aber keinen vernünftigen Laden mehr.

Bewusst gegen den Mainstream Im Jahr 2000 suchte Andreas einen zweiten Standort. Das Stilwerk wollte ihn unbedingt haben und bot 250.000 D-Mark für den Ladenbau plus 200.000 als zinsloses Darlehen. Seine Mitgesellschafter sahen 450.000 D-Mark. Andreas sah eine

Schlange. „Das Ding ist eine Schlange. Die frisst einmal die Woche einen fetten Brocken und die restlichen Tage verdaut sie.“ Für seinen Küchenladen glaubte er nicht an das Konzept. Also wurde es Prenzlauer Berg. Der Kollwitzplatz des Jahres 2000 war noch ein anderer: kein Markt, wenig Gastronomie, vieles unsaniert. Dafür niedrige Mieten. Andreas sah einen freien Laden – und Colecomp kam in den Kiez. Seit 26 Jahren ist er nun dort. Seitdem hat sich der Einzelhandel gründlich verändert. Das Internet kam, Kaufhäuser verschwanden, Preise sind jederzeit vergleichbar. Andreas Langholz teilt trotzdem nicht die allgemeine Untergangsstimmung. „Preismarketing haben wir noch nie gemacht.“

Seit mehr als 25 Jahren am Kollwitzplatz.
Seit mehr als 25 Jahren am Kollwitzplatz.

Zum Jubiläum gibt es lieber etwas zu essen und zu trinken, aber Prozente eher nicht. Stattdessen wird weiterentwickelt. Eigene Messer, neue Produktlinien, Kooperationen. Andreas Langholz sucht Hersteller, spricht mit Köchen und hört Kunden zu. „Das Schlimmste ist, wenn du sagst: Okay, das passt, das lassen wir jetzt so.“

Erfahrung statt Preiskampf Sein Erfolgsrezept scheint zu sein, auf etwas zu setzen, das sich schlechter in einen Warenkorb legen lässt: Erfahrung, Beratung, Neugier – und eine klare Meinung darüber, was eine gute Pfanne können muss. Dass der stationäre Handel dem Tode geweiht sei, hält er für Unsinn. „Im stationären Handel sind immer noch Tür und Tor geöffnet. Aber da muss man sich halt ein bisschen Mühe geben.“ Statt über den potenziellen Untergang des Einzelhandels zu sinnieren, denkt er viel lieber darüber nach, was als Nächstes ins Regal kommt.