Als im Prater die ersten Gläser ausgeschenkt wurden, gab es Prenzlauer Berg noch gar nicht. Berlin hatte gut 300 000 Einwohnerinnen und Einwohner, Friedrich Wilhelm III. saß auf dem preußischen Thron, und wer vom Zentrum hinaus in Richtung Norden fuhr, ließ die dicht bebaute Stadt bald hinter sich. Genau dort eröffnete 1837 an der heutigen Kastanienallee der Gastwirt Wilhelm Kalbo einen Ausschank. Was als Gartenlokal vor den Toren Berlins begann, wurde Biergarten, Theater, Varieté, politischer Versammlungsort, Kino, Kulturhaus und Spielstätte der Volksbühne. Kaiserreich, Revolution, zwei Weltkriege, Nationalsozialismus, DDR und Wiedervereinigung zogen an ihm vorbei. Der Prater blieb.

Und vielleicht gibt es keinen zweiten Ort in Prenzlauer Berg, an dem man so schön erzählen kann, wie sich Berlin verändert hat – einfach indem man schaut, wer dort gerade auf der Bühne stand und wer davor sein Bier trank. Wilhelm Kalbo hatte zunächst etwas sehr Bodenständiges eröffnet: einen Ausschank mit Garten. Doch Berlin wuchs, und mit der Stadt wuchs das Bedürfnis nach Vergnügen. Wer sechs Tage in der Woche arbeitete, wollte am freien Sonntag hinaus, etwas trinken, Musik hören, tanzen und andere Menschen treffen. Aus dem kleinen Gartenlokal wurde ein beliebtes Ausflugsziel. 1857 übernahm Kalbos Sohn den Betrieb und baute ihn aus.

Der Name Prater spielte auf den berühmten Wiener Vergnügungspark an. Bald gab es einen großen Saal, Theater und Veranstaltungen. Arbeiter, Handwerker und kleine Angestellte kamen hierher, tranken Bier, hörten Musik, sahen Theater und tanzten. Der Prater gehörte nicht der feinen Gesellschaft. Er gehörte dem Viertel, das um ihn herum immer dichter wurde. Und dieses Viertel wurde politisch. Seit 1891 fanden im Prater Maifeiern statt, Gewerkschaften und Organisationen der Arbeiterbewegung nutzten den großen Garten für Versammlungen. An einem Tag wurde diskutiert, am nächsten gespielt, gesungen

und getrunken. Politik und Vergnügen lagen hier schon früh erstaunlich dicht beieinander. Im frühen 20. Jahrhundert wurde das Programm größer. Theater und Varieté lockten Besuchende aus der ganzen Stadt. Hans Albers trat hier auf, bevor ihn ganz Deutschland kannte, ebenso Rudolf Platte. Der Komponist Paul Lincke, dessen Berliner Luft bis heute zu Berlin gehört, dirigierte im Prater noch in den 1930er-Jahren. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten

Der Prater als Veranstaltungsort in früheren Jahrzehnten.
Der Prater als Veranstaltungsort in früheren Jahrzehnten.

verschwand die Tradition als politischer Treffpunkt der Arbeiterbewegung. Unterhaltung gab es weiterhin. Lincke dirigierte hier 1935 anlässlich seines 70. Geburtstages, während wenige Straßen weiter längst Menschen verfolgt und verhaftet wurden. Dann kam der Krieg. Bomben zerstörten große Teile Berlins, doch der Prater überstand die Zerstörungen so weit, dass dort schon wenige Monate nach Kriegsende wieder Kultur stattfinden konnte. Bereits im Sommer 1945 gab es Veranstaltungen, 1946 zog vorübergehend die Volksbühne ein, deren eigentliches Haus am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz schwer beschädigt war.

Zwischen Trümmern, Lebensmittelknappheit und zerstörten Wohnungen gingen die Berliner wieder ins Theater. In den folgenden Jahren bekam der Prater noch eine andere Funktion: Er wurde Kino. Als DEFA-Filmtheater Kastanienallee gehörte er zum kulturellen Alltag des Viertels. Anfang der 1960er-Jahre saß Erdmute Franze dort regelmäßig mit ihren Schulfreundinnen im Publikum. Abenteuerfilme schauten sie sich an, besonders aber liebten sie Liebesfilme.

Es ist eine kleine Erinnerung, die mehr über den Prater dieser Jahre erzählt als jede Beschreibung eines Kulturprogramms: ein paar Schulmädchen aus Prenzlauer Berg, die gemeinsam ins Kino gingen und sich auf die Liebesgeschichten auf der Leinwand freuten. Zur ungefähr gleichen Zeit kam Wolfgang Ulke aus Weißensee in den Prater. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre setzte er sich auf seine MZ ES 250 und fuhr zum Tanzen in die Kastanienallee. Jahrzehnte später erinnerte er sich an diese

Abende mit einem wunderbar einfachen Satz: „Es war immer schön im Prater.“ Mehr braucht es manchmal nicht. Aus dem Ort der Arbeiterkundgebungen und Theateraufführungen war längst auch ein Ort für ganz gewöhnliche Abende geworden – Motorrad abstellen, hineingehen, Musik hören, tanzen. 1967 wurde der Prater offiziell zum Kreiskulturhaus des Stadtbezirks Prenzlauer Berg. Das klingt nach einem Wort, das nur eine Verwaltung der DDR erfinden konnte. Im wirklichen Leben bedeutete es etwas anderes. Es gab Konzerte, Tanzveranstaltungen, Kinderprogramme, Ausstellungen, Arbeitsgemeinschaften und Zirkel. Zum Programm gehörten Tanztee und die Sonntagsmelodie.

Der historische Biergarten des Praters.
Der historische Biergarten des Praters.

Die Fotografie von Harald Hauswald, der 1989 einen Tanztee im Prater festhielt, zeigt diese Welt kurz vor ihrem Ende noch einmal: Menschen beim Tanzen in einem Berlin, das wenige Monate später ein anderes sein sollte. Auch Kinder hatten ihren eigenen Prater. Ines, die in den 1970er-Jahren hierherkam, erinnert sich nicht zuerst an Kulturhaus, Theater oder Politik, sondern an einen Rummel im Garten: bunt bemalte Buden und Karussells. Genau darin liegt vielleicht das Besondere dieses Ortes. Der Prater war nie nur das, was gerade auf dem offiziellen Schild am Eingang stand. Für den einen war er Theater, für die andere Kino, für Wolfgang Ulke Tanzlokal und für ein Kind ein Ort mit Karussells.

Nach dem Mauerfall änderte sich Prenzlauer Berg schneller als fast jeder andere Teil Berlins. Häuser wurden saniert, Mieten stiegen, Kneipen eröffneten und verschwanden wieder. Studenten, Künstler und junge Leute zogen in die unsanierten Altbauten, Clubs entstanden an Orten, die dafür nie vorgesehen waren. Auch der Prater bekam wieder ein neues Publikum. Ab 1995 nutzte die Volksbühne das Gelände erneut als Sommerspielstätte. Gleichzeitig erreichte die Berliner Clubkultur die Kastanienallee.

Im Bastard Club legte Ende der 1990er-Jahre Ina Wudtke alias DJ T-INA Darling auf. 1999 gründete sie gemeinsam mit drei anderen Frauen nach eigener Erinnerung das erste weibliche DJ-MC-Team Berlins; im Bastard Club bekamen sie ihre erste feste Residency. Wo Wolfgang Ulke Jahrzehnte zuvor seine MZ abgestellt hatte, um tanzen zu gehen, legte nun eine neue Generation die Musik zum Tanzen auf.

Der Pratergarten heute.
Der Pratergarten heute.

Nach fast 190 Jahren beginnt damit wieder eines dieser Kapitel, von denen der Prater schon erstaunlich viele erlebt hat. Vielleicht erzählen deshalb nicht die berühmten Namen seine eigentliche Geschichte. Natürlich standen Hans Albers und Rudolf Platte hier auf der Bühne, Paul Lincke dirigierte, die Volksbühne spielte. Aber genauso zum Prater gehören Erdmute Franze und ihre Schulfreundinnen im Kino, Wolfgang Ulke auf seiner MZ, Ines vor den Karussells und Ina Wudtke hinter den Plattentellern. Vier Erinnerungen aus vier verschiedenen Zeiten, alle am selben Ort.

Dazwischen liegen ein Weltkrieg, die Gründung und das Ende der DDR, der Mauerfall und die beinahe vollständige Verwandlung eines Berliner Stadtteils. Fast 190 Jahre liegen zwischen Wilhelm Kalbos erstem Ausschank und dem Prater von heute. Rundherum wurde aus einem Gebiet vor den Toren Berlins eine Millionenstadt, aus einem Arbeiterviertel ein begehrter Kiez. Im Prater wurde währenddessen demonstriert, Theater gespielt, Filme geschaut, Bier getrunken, Karussell gefahren und vor allem immer wieder getanzt. Vielleicht ist das sein eigentliches Geheimnis: Der Prater musste sich nie entscheiden, ob er Kulturort, Vergnügungsstätte oder Nachbarschaftstreff sein wollte.

Er war meistens alles gleichzeitig. Seit 1837.