Das Team vom A Janela mit Christian Wroblewski hält in Wilmersdorf eine Idee lebendig, die heute aktueller wirkt denn je. Zwischen fair gehandelter Schokolade, Körben aus Afrika und bunten Stoffen aus aller Welt hört Christian Wroblewski im Weltladen A Janela immer wieder mal den Satz: „Sind Sie neu hier?“ Dann muss er lachen. „Nein“, sagt er, „wir sind hier seit 26 Jahren.“ Dabei gehört der kleine Laden in der Emser Straße längst zu Wilmersdorf. Vielleicht fällt er vielen Menschen erst spät auf, weil A Janela nicht laut sein will.

Kein greller Lifestyle-Store, kein moralischer Zeigefinger, sondern ein Geschäft, das ruhig und zurückhaltend seinen Platz im Kiez gefunden hat. „A Janela“ bedeutet auf Portugiesisch „Das Fenster“. Der Name stammt aus den brasilianischen Verbindungen der Franziskaner, die in der Gemeinde St. Ludwig tätig waren. Aus deren Eine-Welt-Kreis, der sich Ende der Achtzigerjahre gründete, ist der Laden entstanden. Damals verkauften Ehrenamtliche nach Gottesdiensten Kaffee, Tee und Schokolade aus fairem Handel. Viel improvisiert, wenig Platz.

Fair gehandelte Lebensmittel gehören zum Sortiment.
Fair gehandelte Lebensmittel gehören zum Sortiment.

Erst 1999 zog die Initiative in das leerstehende Geschäft in der Emser Straße 45 und eröffnete dort offiziell den Weltladen. „Den Nicaragua-Kaffee konnte man früher eher kaufen als trinken“, sagt Christian Wroblewski trocken und lacht. Tatsächlich war die Weltladenbewegung von Anfang an politischer und war wohl deutlicher zu hören als heute. In den Siebzigerund Achtzigerjahren entstanden viele sogenannte Dritte-Welt-Läden aus kirchlichen Gruppen, Umweltbewegungen oder Solidaritätsinitiativen. Es ging um Kritik an Kolonialismus, ungerechten Handelsstrukturen und Ausbeutung.

Kaffee war dabei fast ein politisches Symbol. Heute wirkt das alles weniger ideologisch – und deutlich moderner. Neben Kaffee, Tee und Schokolade verkauft A Janela inzwischen auch Mode, Schmuck, Körbe, Keramik, Wohnaccessoires und Geschenkartikel. „Die Weltläden mussten sich schon modernisieren. So einen biederen Laden wie früher könnte man heute nicht mehr machen“, sagt Christian Wroblewski. „Die Leute erwarten heute auch ein schönes Angebot.“ Diese Veränderung war notwendig. Denn vieles, wofür Weltläden jahrzehntelang kämpften, ist inzwischen im Alltag angekommen.

Mode mit nachvollziehbarer Herkunft.
Mode mit nachvollziehbarer Herkunft.

Selbst Discounter verkaufen heute Fairtrade-Produkte. Das sei einerseits ein Erfolg, so Christian Wroblewski. Andererseits müsse sich ein Weltladen dadurch neu definieren. „Welthandel oder fairer Handel ist ein politisches Projekt“, erklärt er. Es gehe nicht nur um ein Siegel auf einer Verpackung, sondern darum, wie produziert werde, wer daran verdiene und ob Menschen von ihrer Arbeit leben könnten. Fairtrade Town Der Laden arbeitet deshalb mit Fair-Trade-Importeuren, Verbänden und Initiativen zusammen, die Produktionsbedingungen überprüfen. Ein kleiner Weltladen könne das allein gar nicht leisten.

„Wir können nicht überall selbst hinfahren“, beschreibt er die Arbeitsweise. Dass A Janela in Berlin eine gewisse Rolle spielt, zeigt auch die Geschichte der Fairtrade Town Charlottenburg-Wilmersdorf. Auf Initiative der Mitgründerin Judith Siller entstand Anfang der 2010er Jahre eine Steuerungsgruppe, die den Bezirk offiziell zur Fairtrade Town machte. Schulen, Gemeinden, Initiativen und Geschäfte wurden miteinander vernetzt, Veranstaltungen organisiert, Aktionen gestartet. Fairer Handel sollte sichtbarer werden – nicht als Spezialthema für Aktivisten, sondern als Teil des Alltags.

Beratung und Begegnung im Kiezladen.
Beratung und Begegnung im Kiezladen.

Heute, sagt Christian Wroblewski, könnte das Thema manchmal etwas mehr Schwung vertragen. Aber gerade deshalb brauche es weiterhin Orte wie A Janela. Christian Wroblewski selbst kam 2006 zum Verein. Bei einer Veranstaltung im Entwicklungsministerium sprach er mit Mitarbeiterinnen von A Janela – und blieb hängen. Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1957, wuchs in Prenzlauer Berg auf, lernte zunächst Bankkaufmann, studierte später Betriebswirtschaft und arbeitete lange in der Finanzverwaltung. Seit seinem Ruhestand engagiert er sich deutlich stärker im Laden und ist heute Ladenkoordinator.

Der Rest des Teams arbeitet ehrenamtlich. Insgesamt zwölf Menschen halten den Laden am Laufen. Fünf Tage pro Woche geöffnet zu sein, sei allerdings eine Herausforderung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, besonders auch Jüngere, werde immer schwieriger. „Wir sind ja alle keine zwanzig mehr“, sagt Christian Wroblewski. Viele würden gern mal bei Aktionen helfen, aber regelmäßiger Ladendienst sei etwas anderes.

Produkte aus fairem Handel.
Produkte aus fairem Handel.

„Wenn Kundinnen oder Kunden zweimal vor verschlossener Tür stehen, kommen sie nicht wieder.“ Menschen für Menschen Seit November 2025 gehört A Janela außerdem zu einer Genossenschaft, der F.A.I.R.E. eG, in der mehrere Weltläden organisiert sind. Für Christian Wroblewski war dieser Schritt auch eine Reaktion auf die Realität kleiner ehrenamtlicher Projekte. Verantwortung dauerhaft auf wenige Schultern zu verteilen, werde immer schwieriger. Durch die Genossenschaft können sich die Läden stärker austauschen, gemeinsame Strukturen nutzen und voneinander lernen.

Manche Produkte funktionieren in einer Stadt hervorragend und anderswo gar nicht: „Da merkt man erst, wie unterschiedlich die Kieze sind.“ Gerade darin steckt vielleicht eine der stillen Geschichten dieses Ladens: Viele kleine Orte in Berlin funktionieren bis heute nur, weil Menschen Zeit investieren, ohne daraus Gewinn zu ziehen. Während überall über Nachhaltigkeit gesprochen wird, hängen konkrete Projekte oft an einigen wenigen Ehrenamtlichen, die Regale einräumen, Schichten übernehmen, Veranstaltungen organisieren oder auf Straßenfesten Flyer verteilen.

Bunte Stoffe und Handwerk aus aller Welt.
Bunte Stoffe und Handwerk aus aller Welt.

Auch A Janela ist regelmäßig auf Kiezfesten, Gemeindeveranstaltungen oder Aktionstagen vertreten. Sichtbar zu bleiben, gehört inzwischen fast genauso zur Arbeit wie der Verkauf selbst. Dabei hat sich auch die Kundschaft verändert. Viele ältere Stammkunden kommen seit Jahren. Gleichzeitig entdeckt eine jüngere Generation den Laden: Familien, jüngere Paare oder Menschen, die bewusster konsumieren wollen. Manche kommen gezielt wegen fair gehandelter Mode, andere bleiben vor den Körben oder dem Schmuck stehen.

Wieder andere betreten den Laden zunächst vorsichtig, schauen sich um und sagen irgendwann leise: „Schön hier.“ Manchmal komme auch der Satz: „Das ist aber teuer.“ Christian Wroblewski nimmt das niemandem übel. „In Deutschland wird doch schon stark auf den Preis geschaut“, stellt er fest. Gleichzeitig merke man aber, dass viele Menschen inzwischen genauer wissen wollen, wo Produkte herkommen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden. Trotz allem wirkt Christian Wroblewski nicht resigniert, sondern vielmer pragmatisch. „Mir geht es blendend“, sagt er irgendwann im Gespräch.

Das ehrenamtliche Team hält den Laden am Laufen.
Das ehrenamtliche Team hält den Laden am Laufen.

„Ich habe das wahnsinnige Glück, hier im Norden geboren zu sein. Das ist ja nicht mein Verdienst.“ Dann erzählt er von einer Reise in die Karibik und dem Besuch einer Bananenplantage. Von Menschen, die für Löhne arbeiteten, für die hier kaum jemand morgens aufstehen würde. „Seitdem weiß ich, dass man eigentlich keine Bananen für 99 Cent kaufen kann.“ Faire Preisgestaltung mit Geschichte Genau darum geht es bei A Janela bis heute: um die Frage, was Produkte eigentlich kosten – und wer den Preis dafür bezahlt. Dabei spielen auch Geschichten eine Rolle.

Christian Wroblewski erzählt begeistert von einer Schokolade, deren Kakao per Segelschiff aus Lateinamerika nach Europa transportiert wird und anschließend mit dem Fahrrad bis nach Berlin kommt. Die Lieferkette ist völlig emissionsfrei. Andere Produkte entstehen in kleinen Kooperativen oder Handwerksbetrieben. Vieles davon werde in Schulungen und Hintergrundmaterial erklärt, damit die Mitarbeitenden den Kunden mehr erzählen können als nur den Preis. Vielleicht passt A Janela gerade deshalb gut in diese Zeit.

A Janela in der Emser Straße.
A Janela in der Emser Straße.

In eine Stadt, in der Nachhaltigkeit längst Alltagssprache geworden ist, aber gleichzeitig alles immer billiger, schneller und austauschbarer werden soll. „Wenn Menschen bewusst einkaufen und bewusst leben“, so Christian Wroblewski, „dann kann Konsum die Welt verändern.“