Wer die alte Königstadt-Brauerei am Rande des Prenzlauer Bergs betritt, ahnt nicht sofort, dass hinter den historisch sanierten Backsteinbögen kreative Produktionsstätten werken. Die Tischlerei von Henrik Schwerdtner ist einer der Betriebe, die sich an diesem Ort im Rahmen einer Genossenschaft zusammengeschlossen haben. Genau hier gestaltet und produziert er Möbel, Treppen, Küchen, Objekte … „Meine Spezialisierung ist eigentlich nur: Individualität“, sagt Henrik Schwerdtner. Alles entsteht handwerklich – mitunter auch in historischem Kontext. Der Ort ist Programm. Nicht am Rande der Stadt, nicht in der Halle mit Lieferflotte – sondern mitten in der City. „Ich will präsent sein. Ich wohne im Prenzlauer Berg und habe ein großes Privileg. Ich gehe nicht zur Arbeit – ich gehe in meine Werkstatt.“

Von der Volksbühne ins eigene Leben Henrik Schwerdtner wurde 1964 in Berlin-Pankow geboren. „Das Tischlerhandwerk habe ich an der Staatsoper Berlin erlernt. Das war eine sehr traditionelle, handwerkliche Ausbildung. Das kam mir sehr zugute.“ Nach der Lehre ging er an die Volksbühne, wurde Jungmeister, leitete am Ende die Tischlerei. Alles hätte so bleiben können! Aber dann kam die Wende. Und mit ihr die Entscheidung, etwas Neues zu wagen. „Ich habe diesen Traumjob gekündigt, um raus in die Welt zu gehen.“ Er reiste – Asien, später Afrika. Keine Auszeit, sondern eine Suche: „Das Eigenständige, Kreative, Dauerhafte ist mir schon wichtig. Ich wollte ein Berufsfeld, das bleibend und erfüllend ist, keine Arbeit, sondern Leidenschaft.“ Aus Weißensee in die Königstadt Zurück in Berlin, mietete sich Henrik Schwerdtner in eine Werkstatt in Weißensee ein. Dort arbeitete er zehn Jahre zusammen mit Restauratoren. Eines der anspruchsvollsten Projekte war Schloss Meseberg, der heutige Gäste- und Tagungssitz der Bundesregierung. „Wir haben dort großflächige, historische Wandvertäfelungen gemacht, die später Diskussionsgrundlage waren – weil nicht mehr erkennbar, was original und was nachproduziert war.“ Dann kam der Tipp: In der entstehenden Genossenschaft in der Königstadt- Brauerei sind Räume frei. Henrik Schwerdtner bewarb sich – mit Erfolg. „Man fand

mein Konzept gut. Man wollte das produktive Handwerk fördern.“ Er baute sich seine Werkstatt selbst aus, parallel zum laufenden Betrieb: „So, dass man darin gerne arbeiten mag – ein Leben lang.“ Wahlmöglichkeiten für die Kundschaft Die Möbel, die hier entstehen, sind keine Entwürfe aus dem Katalog. Sondern Antworten auf Räume, Lebensentwürfe, Ideen. „Ob’s beim Bettkasten anfängt oder beim Dachgeschossschrank aufhört – es soll immer optimal sein.“ Viele kommen mit vagen Vorstellungen: „Die sagen: Wir brauchen eine Lösung – aber wissen noch nicht wie.“ Genau dort setzt der Tischlermeister an, um die Möglichkeiten auszuloten. „Ich liebe es, wenn Menschen auf mich zukommen, weil sie sich etwas erfüllen wollen. Und wenn es dann nicht 08/15 ist, sondern auch knifflig, dann macht es besonders Spaß.“ „Das geht nicht“, gibt’s bei Henrik Schwerdtner nicht. Stattdessen: intensive Gespräche, Materialauswahl, Funktionen, Optionen. „Form, Farbe, Nutzung – alles kann mitgestaltet werden. Und wenn’s passt, dann baue ich auch ein verstecktes Fach mit ein.“ Perfektion vor Profit Warum nicht vergrößern, eine Serienproduktion aufbauen, einen Großkunden bedienen? „Ich würde verkümmern. Ich brauche die Kreativität und den Freiraum, möchte innovative Impulse optimal umsetzen. Primär geht es mir um gut realisierte Produkte – schließlich bin ich selbst mein kritischster Betrachter.“ Qualität also – in jedem Winkel, in jedem Maß, für jedes Zuhause. Ausbilden, aber richtig Die jungen Menschen, die zu ihm kommen, sind oft hochmotiviert. Viele mit Abitur, einige auch mit Studienabschluss. Immer mit dem Wunsch, letztlich etwas mit den Händen zu schaffen. Mittlerweile haben 13 Auszubildende das Handwerk bei ihm erlernt. Eine Stelle ist stets dafür vorgesehen: „Ich möchte bewusst fördern, mit gutem Training und dem nötigen Einfühlungsvermögen. Man muss Fähigkeiten und Fehler erkennen lernen, um daraus den richtigen, sicheren, qualitativen Weg abzuleiten. Ich will sie gut integrieren und ihre Entwicklung positiv begleiten. Mir ist es wichtig, dass die gute Ausbildung,


die ich genossen habe, auch anderen zugutekommt.“ Viele der Auszubildenden haben später selbst den Meister gemacht. Die Werkstatt als Netzwerk Trotz seiner Eigenständigkeit ist Henrik Schwerdtner kein Einzelgänger. „Ich bin eher der besonnene Netzwerker.“ Er steht im Austausch mit anderen engagierten Handwerksleuten und unterstützt den genossenschaftlichen Gedanken, auch über den eigenen Hof hinaus, damit auch andere Mietergruppen von solchen Strukturen profitieren können. „Die Immobilien gibt’s, der Senat ist auch interessiert – aber die Wege zu eigenorganisierter Bewirtschaftung sind zumeist großen Hürden ausgesetzt.“ Arbeit im Austausch Am Ende ist es genau das, was seine Arbeit so besonders macht: Sie findet statt im Austausch. Nicht auf der grünen Wiese, nicht auf dem Lieferschein – sondern hier, inmitten der Stadt, im Kiez, im direkten Gespräch, auf Augenhöhe. Seine Werkstatt steht für Nähe, für Vertrauen, für Lösungen. Und so nehmen wir Johann Wolfgang von Goethe beim Wort: „Handwerk ist Werk der Hand, beseelt vom Herzen, geleitet vom Verstand.“

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