Laut dem bundesdeutschen Amt für Verkehrsdaten verbringt jeder deutsche Autofahrer durchschnittlich 38 Stunden jährlich im Stau, in Düsseldorf und Stuttgart zehn Stunden mehr und in Mecklenburg sehr viel weniger. Berlin liegt in dieser Staustatistik irgendwo dazwischen, nicht bei den ersten Top Five. Ich bin 57 Jahre alt, als durchschnittlicher deutscher Autofahrer muss ich laut Verkehrsdatenerfassung bereits rund 90 Tage meines Lebens im Stau verbracht haben. Das war definitiv nicht die schlimmste Zeit meines Lebens, sogar recht unterhaltsam, denn die meisten Staus habe ich vor meiner Haustür.

Schlimm ist es, wenn ich am Sonntag nach einer Lesung oder einem Auftritt zurück nach Hause komme und keinen Parkplatz finde. In Berlin wohne ich nämlich gegenüber einer Veranstaltungshalle, der drittgrößten der Stadt, in der allwöchentlich Konzerte stattfinden. Bei einer Kapazität von 12 000 Plätzen hat diese Halle keine eigenen Parkplätze, kein Parkhaus, nicht einmal eine Wiese zum Autoabstellen.

Und jedes Mal vor und nach der Veranstaltung haben wir einen Riesenstau vor der Haustür, die Autokorsos der Musik- oder Sportfans fahren an meinen Fenstern vorbei, sie fahren im Kreis, verstopfen die Straßen, hupen, blockieren die Eingänge und spielen mit den Einheimischen „die Reise nach Jerusalem“. Die einheimischen Autofahrer versuchen, ihre Parkplätze, ihr Revier zu markieren – ihnen helfen die Tauben, die das viel besser als die Autofahrer können. Die Vögel fühlen sich ebenfalls von den Konzertveranstaltungen bedroht und kacken wie die Weltmeister auf die fremden Autos, vor allem gerne auf Teslas.

Die Fahrer benehmen sich recht unterschiedlich, je nachdem, wer gerade in der Halle spielt. Das Veranstaltungsprogramm hängt bei uns im Treppenhaus, die Einwohner sollen schon im Vorfeld wissen, wann der nächste Verkehrskollaps kommt. Mal ist das wegen Herbert Grönemeyer und mal wegen Stau in Berlin Alice Cooper (ja, er lebt noch). Gleich danach kommt ein Wettbewerb der Seemanns-Chöre. Ich wusste gar nicht, dass es in Deutschland so viele singende Seeleute gibt und noch mehr Frauen, die den Seeleuten beim Singen gerne zuhören.

Die Schlager-Fans werden mit Bussen zu Konzerten gebracht, die Rapp-Enthusiasten kommen meist zu Fuß. Einmal waren es „Queen. The Tribut Show aus Kanada“, das war mir wirklich zu viel des Guten. Die angeberischen 80er-Jahre waren die Zeit meiner Jugend, und was vorbei ist, sollte auch vorbei bleiben. Ich mochte nicht mit den 80er- Jahre-Fans im Stau stehen und dachte, ich drehe ein paar Runden um die Stadt, solange Queen aus Kanada spielt. Ich habe in der Tat eine seltsame Freundschaft zu meinem neuen Auto entwickelt, wenn ich es für mehrere Tage stehen lasse, fehlt es mir.

Der Wagen ist mit Elektronik gespickt und hat, so glaube ich zumindest, eine eigene Persönlichkeit entwickelt. Das Auto tut immer so, als würde es besser als ich über das richtige Fahren Bescheid wissen und korrigiert mich. Wenn wir länger unterwegs sind, will es mich zum Kaffeetrinken einladen. Manchmal wirken die Einladungen aufdringlich. Ich trinke nämlich keinen Kaffee, nur Tee, kann das aber dem Auto nicht erklären. Es gibt nur zwei Optionen für eine Antwort, entweder soll ich zusagen oder auf „Danke, später erinnern“ tippen. Die Option „Lass mich bitte“ habe ich noch nicht entdeckt.

Aber nichtsdestotrotz versucht das Auto mich näher kennenzulernen. Das letzte Gesprächsangebot klang verlockend. Kaum hatten wir Berlin verlassen, fragte mich das Auto, ob ich vitalisiert werden möchte. Die Frage kam auf Englisch. Warum eigentlich nicht, dachte ich leichtsinnigerweise und stimmte zu. Daraufhin ging das Schiebedach auf, die Leuchtdioden leuchteten grün und blau, die Lüftungsanlage blies mir eine kalte Brise ins Gesicht und aus den Boxen kam in voller Lautstärke „I want to break free“.

Urplötzlich und ohne Vorwarnung stürmten die Achtziger in mein Auto rein, ich hätte es wissen müssen, es gibt kein Entkommen. Lange nach Mitternacht kam ich nach Hause zurück. Die Queens drüben hatten längst aufgehört zu spielen, und ihre Fans waren schlafen gefahren. Ich parkte auf der leeren Straße und ging nach Hause, grüßte die Tauben, knipste den Vollmond an und pfiff das Lied.