Es gibt Informationen, die bekommt man besser zu spät. Sebastian Grabosch bekam eine davon auf dem Amt. Der Mietvertrag war unterschrieben, die Entscheidung gefallen: Jetzt sollte der eigene Laden kommen. Dann erfuhr er bei der Gewerbeanmeldung eher nebenbei, dass er an diesem Standort keineswegs der Erste mit großen Plänen war. „Ich war der siebte Pächter“, erzählt Grabosch. Sieben Pächter innerhalb weniger Jahre, keiner hatte es geschafft. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich es nicht gemacht“, sagt er heute und lacht. Zum Glück wusste er es nicht. Am 1. November 2008 eröffnete Sebastian Grabosch in der Hildegardstraße den Berliner Hof. Fast 18 Jahre später ist er immer noch da.
Und während ringsherum Restaurants eröffneten, schlossen und Konzepte wechselten, blieb Grabosch einer einfachen Idee treu: deutsche Küche, ohne jedem kulinarischen Trend hinterherzulaufen. Gerichte „wie von Oma oder Mama“. Schnitzel, Matjes, Eisbein, Pferderoulade – eine Küche, bei der man weiß, was einen erwartet. Natürlich habe sich über die Jahre die Präsentation verändert, sagt Grabosch. Aber aus einem Klassiker müsse deshalb noch lange kein gastronomisches Kunstprojekt werden. Die Renner sind bis heute Schnitzel und Matjes. Und die Pferderoulade? Bei der schauen manche Gäste zunächst skeptisch. Bestellt wird sie trotzdem – und offenbar gern.
Dass Grabosch einmal Gastronom werden würde, war keineswegs ausgemacht. Geboren 1979 und aufgewachsen in Ostwestfalen, wollte er ursprünglich Krankenpfleger werden. Schule, Bücher und langes Lernen seien allerdings nie seine große Leidenschaft gewesen. Eher ein Mann der Praxis: Er absolvierte eine Ausbildung zum Hotelfachmann in Paderborn, anschließend ging er nach Baden-Baden und 2003 schließlich nach Berlin.
Als Abteilungsleiter im Schlosshotel im Grunewald lernte er schnell die weniger glamouröse Seite der gehobenen Hotellerie kennen: „Sieben Tage die Woche, 18 Stunden am Tag.“ Nach einem Jahr wechselte er als Restaurantleiter in den Schweizerhof. 2008 war die Zeit reif für die Selbstständigkeit.
Sein ehemaliger Ausbilder hielt davon wenig. Grabosch schickte ihm die Unterlagen, die Reaktion war eindeutig: bloß nicht. Zu jung, lieber noch warten. Grabosch machte es trotzdem. Zwei Wochen blieben ihm, um einen Namen zu finden und alles für die Eröffnung vorzubereiten. So entstand der Berliner Hof. Am 1. November sollte eröffnet werden, also wurde am 1. November eröffnet. Dieses Ärmel-hoch-und-los passt bis heute ziemlich gut zu ihm.

Überhaupt macht Grabosch wenig Aufhebens um sich selbst. Die verrückteste Nacht in fast 18 Jahren? Er überlegt, lächelt und zuckt mit den Schultern. „Weiß ich nicht.“ Vieles, was andere zur großen Geschichte ausbauen würden, ist für ihn schlicht Alltag. Erst wenn man genauer hinschaut, merkt man, wie viel hinter diesem Alltag steckt.
Der Berliner Hof hat sieben Tage die Woche geöffnet. Einen Ruhetag gibt es nicht. Und lange bevor die ersten Restaurantgäste kommen, beginnt bereits ein anderer Teil des Geschäfts: Der Berliner Hof beliefert Kindergärten mit Mittagessen. Auch das erwähnt Grabosch fast nebenbei. Warum er sich nicht wenigstens montags oder dienstags einen Schließtag gönne? „Ich kann ja nicht sagen: Montag oder Dienstag ist zu, da kriegt ihr kein Mittagessen.“
Also geht es weiter: Kindergärten, Restaurant, Einkauf, Personal, Veranstaltungen. Und was macht er, wenn er nicht im Berliner Hof ist? „Ich schlafe zu Hause“, sagt er und grinst. Grabosch ist glücklicher Single. Hobbys? Kurzes Überlegen. „Ich habe keine Hobbys.“ Ein wenig Schalk scheint bei solchen Antworten durchaus im Nacken zu sitzen.
Ganz so ruhig, wie Grabosch sein Leben beschreibt, ist es in seinem Berliner Hof ohnehin nicht. Es gibt Stammtische, darunter einen Musikerstammtisch, Aktionsabende und Veranstaltungen. Künstler wie Bert Beel, Stefanie Simon und Cindy Berger treten hier regelmäßig auf, mal wird gefeiert, mal gibt es Musik, mal einen besonderen kulinarischen Abend. Es lohnt sich also durchaus, den Veranstaltungskalender genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Berliner Hof ist nicht nur Küche und Tische, sondern ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen.
Viele Gäste kommen seit Jahren. Bei manchen weiß man schon beim Hereinkommen ungefähr, was gleich bestellt wird. Man kennt sich, redet miteinander, und irgendwann landet bei einem Wirt natürlich auch das Privatleben seiner Gäste am Tisch. Ob man da manchmal Seelenklempner sei? Grabosch lächelt. „Kann man so sehen.“
Klare Ansichten hat er trotzdem. Was ist wichtiger: gutes Essen oder ein guter Gastgeber? Man könnte nun eine Rede über Herzlichkeit und Gastfreundschaft erwarten. Grabosch überlegt nicht lange: „gutes Essen.“ Dann blitzt der Schalk durch: „Da kann der Wirt ein Idiot sein und trotzdem geht man da essen.“ Ein bemerkenswerter Satz für einen Restaurantinhaber. Aber Grabosch stellt sich eben nicht ins Zentrum. Entscheidend ist, dass die Gäste zufrieden sind und wiederkommen.

Dass er selbst nicht kocht, erzählt er ebenso unbekümmert. Wenn Not am Mann ist, hilft er in der Küche. Seine eigentliche Aufgabe ist eine andere: dafür sorgen, dass der Laden läuft. Und das ist schwieriger geworden. Energie, Lebensmittel, Löhne – „Wo fängst du da an, wo hörst du auf?“ Vor allem der fehlende Nachwuchs beschäftigt ihn. Viele hätten die Gastronomie während Corona verlassen und seien nicht zurückgekehrt. „Die haben gemerkt, dass es bei Edeka oder Aldi schöner ist zu arbeiten und dass sie mehr Freizeit haben.“
Grabosch weiß, welchen Preis sein Beruf hat. „Es ist halt viel Zeit im Leben, die weg ist durch den Job.“ Würde er denselben Weg noch einmal gehen? Erst zögert er. Wahrscheinlich nicht. Dann überlegt er, was er stattdessen machen könnte, und landet schließlich doch wieder dort, wo er seit Jahrzehnten ist: „Ich glaube, es würde wieder auf Gastronomie hinauslaufen.“
2015 kaufte Grabosch die Gewerbeeinheit des Berliner Hofs. Aus Pächter Nummer sieben war ein Eigentümer geworden. Corona brachte ihn nicht zum Aufgeben, die schwierigen Jahre danach auch nicht. Ernsthaft aufhören? Nein. „Die beste Entscheidung meines Lebens war die Selbstständigkeit.“
Und dann ist da noch Wilmersdorf. Seit fast 18 Jahren erlebt Grabosch den Kiez aus derselben Perspektive. Was hat sich verändert? „Überhaupt nichts“, sagt er zunächst. Wenig später erzählt er von einem Griechen in der Detmolder Straße, zu dem er früher gern ging. Den gibt es inzwischen nicht mehr. Also hat sich offenbar doch etwas verändert. Grabosch lacht.
Seine Beschreibung des nächtlichen Wilmersdorf dürfte es ohnehin in keinen touristischen Imagefilm schaffen: Irgendwann würden hier die Bordsteine hochgeklappt. Berlin dagegen habe 24 Stunden Leben, irgendwo bekomme man immer etwas zu essen. Kurze Pause, ein Grinsen: „außer in Wilmersdorf.“

Genau darin liegt ein Teil des Charmes des Berliner Hofs. Wo Grabosch augenzwinkernd behauptet, abends sei nicht mehr viel los, sorgt er selbst dafür, dass etwas passiert. Dann stehen Bert Beel, Stefanie Simon oder Cindy Berger auf der Bühne, der Musikerstammtisch trifft sich, Stammgäste sitzen an ihren Tischen und inzwischen machen sogar Reisegruppen Station. Und am nächsten Morgen wird schon wieder das Mittagessen für die Kindergärten vorbereitet.
Man muss Sebastian Grabosch gar nicht nach seiner Leidenschaft für die Gastronomie fragen. Man muss ihn nur nach Silvester fragen. Seit Jahrzehnten arbeitet er dann, wenn andere feiern – und er macht es gern. „Ich bin kein Partygänger.“ Während Corona musste der Berliner Hof zweimal an Silvester geschlossen bleiben. Plötzlich hatte Grabosch frei und feierte mit Freunden. Eigentlich das, wonach sich ein Gastronom nach all den Silvesterschichten sehnen müsste. Doch Grabosch lächelt: „Mir hat etwas gefehlt.“
Das ist Sebastian Grabosch. Kein Mann der großen Worte, sondern einer, der lieber macht. Morgens Essen für Kindergärten, mittags Mittagstisch, abends Schnitzel und Matjes, dazwischen Veranstaltungen, Stammgäste und all die Herausforderungen eines Restaurants. Sieben Tage die Woche. Seit fast 18 Jahren. Wenn er irgendwann nach Hause kommt, schläft er. Am nächsten Tag macht er den Berliner Hof wieder auf. Zum Glück wusste er damals nicht, dass er Pächter Nummer sieben war.
← Zurück zur Ausgabe